Schlagzeilen

Adblocker. Adblocker-Sperren. Adblocker-Sperren umgehen. Merkste selbst, ne?

tl;dr: Kostenlos verfügbar heißt nicht ohne Wert. Und Adblocker sind praktisch, aber nicht der Weisheit letzter Schluss.

Werbung ist schon recht lang Teil des Netzes und der Finanzierung der Angebote, die wir im Netz vorfinden. Vor allem bei Blogs, Nachrichtenseiten und allem, was regelmäßigen schriftlichen Output liefert, finden sich Banner im Header und Kacheln in der Sidebar, die mit Anzeige untertitelt sind. Seit jeher – auch außerhalb des Internets – hat Werbung allerdings auch ein schlechtes Images. Warum? Weil einiges davon Dummfang, aufdringlich oder einfach schlecht ist.

Ich für meinen Teil bin niemand, der Werbung absolut verteufelt. Als Knirps hab ich sogar die Werbepausen im TV genutzt, um die beworbenen Marken so früh wie möglich zu erraten. Auch bin ich kein Anhänger der “ich gucke keine privaten Sender wegen der Werbung”-Fraktion.

Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass Apple Keynotes, von denen ich eigentlich jede live mitverfolge, reine Werbeveranstaltungen sind. Und auch gegen die Werbeformen im Netz hatte ich eine lange Zeit nichts. Allerdings arten Werbebanner und die zugehörigen Tracker aus, und das seit Jahren.

Die Ambivalenz der Adblocker

Immer wieder keimt eine größtenteils auf Kreise technisch versierter Nutzer beschränkte Debatte auf, ob Adblocker, also kleine Programme, mit denen Werbung auf Webseiten automatisch ausgeblendet wird, jetzt cool sind oder nicht. Dabei sind sich eigentlich alle einig, dass der derzeitige Stand der Werbung im Netz kaum tragbar ist, sich ohne die gängigen Werbenetzwerke wie Googles Adsense aber oft nur schwer auskommen lässt.

Während die Publisher (Blogger, Nachrichtenportale und andere Schreiberlinge) auf Werbung als Finanzierungsquelle pochen, sind die Nutzer von Selbiger genervt und blocken sie einfach konsequent weg.

Als Blogger habe ich selbst natürlich Empathie mit all den anderen da draußen, die ihre Texte kostenfrei und für jedermann zugänglich ins Netz stellen und bei dem Versuch sich zu refinanzieren einen kompromisslosen Mittelfinger vom Nutzer in Form eines Adblockers gezeigt bekommen. Darum verzichtete ich lange Zeit auf Blocker jeglicher Art.

Aufmerksamkeit um jeden Preis und die bloggersche Mitverantwortung

Bis zu jenem geschichtsträchtigen Tag, als ich am iPhone einen gern gelesenen Blog besuchte und als Werbemaßnahme direkt in den Appstore weitergeleitet wurde – ohne Umwege über Los und ohne 4.000 Mark einzuziehen. Während ich eigentlich einen gut geschrieben Blog-Artikel lesen wollte, öffnete sich die Detailseite eines “Age Of Empire”-Klons vor mir, natürlich in der Hoffnung gekauft zu werden.

An dem Punkt schmiss ich meine Empathie mit Anlauf volle Möhre gegen die Wand, wo sie in 17.000 obstfliegengroße Einzelteile zerbrach.1 Auf deutsch: ich hab mir einen Adblocker installiert.2

Und eins, liebe Bloggenden, müsst ihr euch bewusst machen: wenn sowas auf eurer Seite passiert, dann seid natürlich auch ihr dafür verantwortlich. Als Betreiber kann niemand sagen „ich vermiete zwar diese Werbefläche für Geld, aber was damit gemacht wird, da kann ich nichts für.“ Wenn ein Werbetreibender eure Seite als Plattform nutzt um schäbige Scheiße zu machen, tragt ihr eine Mitverantwortung. Nicht allein, nein, aber komplett von euch weisen, wie es mir gegenüber das ein ums andere Mal getan wurde, könnt ihr das auch nicht.

iOS 9 Content Blocker

Am Ende führen derartige Spannungen – und das hat die Geschichte gezeigt – zu einem perversen Kräfteringen zwischen “wie kriege ich mehr Aufmerksamkeit” auf der einen und “wie kriege ich diesen nervigen Scheiß abgestellt” auf der anderen Seite. Während Werbetreibende das Öffnen neuer Browser-Fenster für eine prima Idee hielten, implementierten Browser im Kampf um die Gunst der Nutzer Popup-Blocker, die heute fester Bestandteil moderner Browser sind.

Während man als Nutzer am Desktop also Mittel und Wege fand, diesen Krieg für sich zu entscheiden, ist die Situation auf Mobilgeräten etwas schwieriger. Zumindest für iOS gibt es allerdings seit Version 9 mit den sogenannten Content Blockern einen offiziell unterstützten Weg um bestimmte Inhalte zu blocken.

Warum macht Apple sowas? Ziel Nummer 1: Konkurrent Google, die gutes Geld mit Werbung verdienen, attackieren. Ziel Nummer 2: Nutzererfahrung verbessern. Denn es stellt sich heraus, dass Webseiten wesentlich fixer sind, wenn all das Javascript für Werbung und sonstige Tracker nicht geladen und ausgeführt werden muss. Deshalb lassen sich Content Blocker mit Ziel Nummer 2 sehr gut rechtfertigen, um Ziel Nummer 1 zu erreichen.

Dadurch wurde die Debatte um Adblocker erneut und in einem von mir bisher nicht erlebten Ausmaß entfacht. Zum einen weil einige Webseitenbetreiber schweißgebadet auf ihre Zugriffsstatistiken starren und fürchten, dass jeglicher Traffic, der von Apple-Geräten ausgeht, keine Werbeeinnahmen mehr bringt. Zum anderen, weil Marco Arment, ein populärer App-Entwickler, seinen Adblocker keine 2 Tage nach Erscheinen aus dem Appstore zurückzog, dadurch – einmal mehr – stark polarisierte und somit noch eine ganze Hand voll Leute mehr auf den “und hier ist meine Meinung zu Adblockern”-Zug aufsprangen. So wie ich jetzt.

Taten statt Diskussion

Wäre es nicht schön, wenn wir diesmal – statt uns weiter dem Wettrüsten zwischen Werbenden und Blockenden hinzugeben – tatsächlich eine sinnvolle, wie auch immer geartete Kompromisslösung finden? Solang wir darüber reden, bleibt das Thema zwar präsent und es wird über Alternativen diskutiert, aber eben auch nur das: diskutiert.

Deswegen finde ich es tatsächlich gut, dass BILD.de nicht länger mit aktiviertem Adblocker besucht werden kann.3 Dabei handelt es sich zwar um einen massiven “Du bist zwar unser Leser, aber Fick dich trotzdem”-Move, aber welche Publikation wenn nicht die BILD kann sich so etwas erlauben? Durch die nun einmal leider vorhandene Popularität wird das Thema jedenfalls einer viel breiteren Masse zugänglich, was wiederum zu mehr Diskussionen führt und die Chancen, dass am Ende etwas Zielführendes bei rum kommt, zumindest nicht verringert.

Interessant Dynamik dabei: manche Leute erfahren durch derartige eigentlich gegen Adblocker gerichtete Aktionen erst von der Existenz selbiger. So kam es auch diesmal, dass sich die Macher von Adblock Plus an einem Aufkommen von Spenden und Besuchern erfreuen konnten, das weit über dem Normalwert liegt.4 Das nennt man dann Streisand-Effekt.

Statt die werbeblockende Masse von der eigenen Plattform auszuschließen, fahren die Mädels und Jungs des Technikblogs Mobile Geeks einen anderen Weg. Im ersten Schritt verzichteten sie komplett auf Bannerwerbung, wodurch das Portal unabhängig von ggf. vorhandenen Adblockern Schotter scheffeln konnte.5 Seit dem 14.10. versuchen sie sich komplett von Werbung zu lösen und bauen auf ein nutzergestütztes Finanzierungsmodell.

Neben Links und Rechts existiert noch jede Menge Mitte

Nun sind das 2 Extreme, die durchaus etwas Spielraum für Zwischen- und/oder Hybridlösungen lassen. Was ich gern sehen würde ist ein Kompromiss, der beiden Seiten gerecht wird. Die Leser sollen beim lesen nicht genervt werden, die Schreiberlinge sollen ihre wohlverdiente Taler erhalten.

Macstories, ein Blog, der sich der Berichterstattung rund um Apple-Geräte verschrieben6 hat, bietet eine Mitgliedschaft an, deren Vorteil der Zugang zu Exklusiv-Content ist. Einen(!) Werbebanner und Sponsored Posts findet man trotzdem.

Sponsored Posts? Das ist Werbung in Textform. In einem Beitrag wird ein Produkt, eine Dienstleistung oder was auch immer die zahlende Firma beworben haben möchte vorgestellt. Der Inhalte ist manchmal mit dem Geldgeber abgestimmt, manchmal aber auch nicht. In jedem Fall ist ein solcher Beitrag als Werbung markiert (sollte er zumindest).

Warum diese Werbeform in Deutschland so verpönt ist, weiß ich nicht. Ich finde sie fair, unaufdringlich und die Worte des Blogautors sind mir lieber als jede blinkende Pixelfläche. Natürlich wird in einem solchen Beitrag nicht jeder negative Aspekt des beworbenen Produkts aufgezeigt, aber das weiß ich als Leser ganz gut einzuordnen, wenn “Sponsored Post” im Titel steht.

In den amerikanischen Blogs, die ich lese, sind Sponsored Posts gängig. Dort findet sich auch viel exklusives Sponsoring, d.h. ein z.B. wöchentlich buchbares Paket aus Bannerplatzierung und Sponsored Post, um somit über eine gewisse Zeit der einzige Werbende auf einer Plattform zu sein.

Und wo wir gerade in den Staaten sind: in den US-Podcasts, die ich höre, ist Werbung ein integraler Bestandteil, was mich aber selten stört. Wenn mir gerade nicht danach ist, kann ich wunderbar vorspulen. In den meisten Fällen höre ich mir die Spots aber tatsächlich an, weil die Hosts das Produkt selbst bewerben und es allein dadurch wesentlich angenehmer ist, als die Fläche für klassische Audiowerbung zur Verfügung zu stellen.

Was ich damit sagen will: es gibt sie, die Alternativen, die nicht versuchen den Nutzer mit Werbung zu belästigen.

Und was ist mit dem kleinen Mann?

Für einen kleinen Blogger, der seine Karriere gerade beginnt und lediglich eine Möglichkeit sucht, seine Serverkosten zu decken, sind Adsense & Co fast die einzige Maßnahme. Kein Werbender bezahlt für geringe Reichweite und kein Nutzer supportet jemanden, den er erst noch schätzen lernen muss. Dazu kommt, dass ein Werbenetzwerk wie Adsense angenehm wartungsfrei ist, was bedeutet, dass der jeweilige Autor sich um die Texte kümmern kann, statt sich mit der Verwaltung der Werbeplätze rumschlagen zu müssen.

Jeder sollte sich dennoch bewusst sein, dass das setzen von Bannern dieser Art gleichbedeutend ist mit einem “damit ich ein bisschen Geld kriege, musst du ertragen, dass ich dein Nutzerlebnis verschlechtere, indem ich

  1. zusätzliche Ressourcen laden und ausführen lasse,
  2. dich mit von mir nicht beeinflussbaren Bannern von meinen eigentlichen Inhalten ablenke und
  3. deine Privatsphäre porösiere, indem ich Spähprogramme auf dich loslasse, die dein Surfverhalten analysieren um es gewinnbringend einzusetzen.”

Solltest du – der kleine Blogger, der den kleinen Euro nebenbei verdienen möchte – das unterschreiben können: go for it.

Sowas wie ein Fazit

Alle anderen, nicht ganz so kleinen sollten sich meiner Meinung nach Gedanken dazu machen, wie sie einen Kompromiss aus Finanzierung und Nutzererlebnis schaffen können. Andernfalls geht das ewige Katz-und-Maus-Spiel zwischen grenzenlos aufmerksamkeitsgeilen Werbenden und den Nutzern, die Werbung zunehmend verachten und einfach wegblocken, weiter. Und alle Beteiligten verlieren.

Leser von Caschys Blog z.B. sind zu 55% mit Adblockern unterwegs. Über die Hälfte der Nutzer will Tech-News konsumieren, scheißt aber drauf, dass die Autoren damit Geld verdienen wollen. Das kann doch kein Zustand sein, mit dem wir uns abfinden.

Neben der Beseitigung nerviger Werbung sehe ich hier außerdem auch Potential darin, den Nutzern des Internets beizubringen, dass auch kostenlos zur Verfügung gestellte Inhalte einen Wert haben, dass dahinter auch Arbeit steckt, die es wert ist entlohnt zu werden.

Also: nutzen wir doch das neu entfachte Feuer dieser Debatte und versuchen wir etwas produktives daraus zu machen.


  1. Obstfliegen? Ja. Obstfliegen waren gerade die kleinstmöglichen, aber trotzdem noch sichtbaren Objekte, die mir eingefallen sind. Außerdem hasse ich Obstfliegen.

  2. Um das klarzustellen: natürlich hab ich mir den Adblocker damals™ auf dem Desktop-Rechner installiert, was die Werbung aus der Hölle folgerichtig auf dem Smartphone nicht verhindert. Dennoch war diese Erfahrung der ausschlaggebende Punkt für meinen Wechsel auf die adblockende Seite des Internets.

  3. Ok, das ist nicht ganz wahr. Aber for the sake of Debatte und weil noch nicht ganz raus ist, ob es legal ist, lassen wir die Mechanismen des Umgehens dieser Schranke mal außen vor.

  4. Gut möglich, dass die Zahlen gefaket sind. Aber hey, wer wirft sich freiwillig zwischen die Fronten, wenn sich Abschaum gegenseitig verprügelt?

  5. Die eigenen Recherchen zu den Machenschaften von Adblock Plus sind sicher nicht ganz unschuldig an dieser Entscheidung.

  6. no pun intended

23. Oktober 2015