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Guten Tag, kennen Sie schon meine Krankheit?

tl;dr: Schlechte Laune ist eine Krankheit, mit der wir nicht jeden anstecken müssen. Konzentrieren wir uns auf das Gute im Leben. Alles andere macht eh keinen Spaß.

Ich staunte nicht schlecht, als bei uns auf Arbeit ein ca. 40 bis 50-jähriger Herr durch die Tür kam. Ich dachte es sei der Hausmeister, oder ein Pizza-Lieferant. Tatsächlich war es ein Endkunde, der bei uns im Büro vorbeikam, um 1. etwas statt am Telefon direkt vor Ort zu besprechen und 2. mal zu schauen, wie wir arbeiten und wer wir eigentlich sind. Mein Chef fragte, wie es ihm denn ginge. Vermutlich wollte er nur höflich sein und wissen, wie das Geschäft läuft. Darüber hatten sie ja eigentlich auch gesprochen.

Er nahm die Frage allerdings zum Anlass, vor versammelter Mannschaft im Büro seine Krankengeschichte los zu werden. Gegenüber mehr oder weniger fremden Menschen. Rücken, Beine, Leberwerte. Alles sei im Arsch. Und das war bei weitem nicht das erste Mal, das ich so etwas beobachte.

Ihr kennt das sicher auch. Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Freunde, Bekannte und Verwandte über ihre körperlichen Leiden klagen. Auf der einen Seite nachvollziehbar, da höheres Alter = längere Betriebsdauer = mehr Verschleiß. Auf der anderen Seite ist es doch verwunderlich, dass Leute Wert darauf legen in der wenigen Zeit, die Ihnen für ein Gespräch bleibt, unbedingt zum Ausdruck bringen zu wollen, wie schlecht es ihnen geht.

Konzentration auf das Wesentliche ≠ Konzentration auf das Negative

Doch warum das eigentlich? Warum entscheiden wir uns – und ich nehme mich da nicht aus – bei der Antwort auf neutrale Fragen, auf die wir sowohl positiv als auch negativ antworten könnten, für das Negative? Warum tendieren wir dazu, unseren Fokus erst auf das Schlechte und dann auf das Gute zu legen?

Auch wenn mir die musikalische Entwicklung missfällt, finde ich an dieser Stelle eine Referenz auf Linkin Park und ihren Song What I’ve Done angebracht. Im Video dazu sieht man neben der typischen Band-Performance jede Menge kurze Sequenzen verschiedener Bilder. Den Menschen blieb dieses Video fast durchgehend als eines in Erinnerung, das aufzeigt, was alles falsch ist in dieser Welt. Abholzung von Wäldern, Ausstoß von Abgasen, Kriegsmaschinerie, Umweltverschmutzung, Terrorismus. Tatsächlich sieht man auch viele Sequenzen, die genau das visualisieren. Allerdings nicht ausschließlich. Ebenso geht um es um die Erschaffung von neuem Leben, um die vom Menschen geschaffene Kultur, um die Vielfalt in der Tierwelt, um von Feuerwehrmännern gerettete Kinder. Doch das sieht niemand, oder es bleibt zumindest keinem Zuschauer so in Erinnerung.

Der Grund dafür ist der Fokus auf das Negative, der sich durch alle Lebensbereiche zieht. Erinnerungen, Nachrichten, momentaner Gemütszustand. Bei allem fällt es uns scheinbar leichter die schlechten Seiten zu sehen, als die Guten.

Schlechte Laune als zu heilende Krankheit

Ein ehemaliger Mitstudent von mir kommt aus Ecuador. In einem Gespräch hat er mal einen Satz rausgelassen, den ich einfach nicht vergessen kann, weil er so bezeichnend ist. Natürlich wollten wir wissen, was nach seinem Eindruck die größten Macken von uns Deutschen sind. Ihm fiel gar nicht so viel ein (positiv!) außer:

Wenn es einem Deutschen schlecht geht, sieht oder merkt man es ihm an. Das kenne ich so nicht. In Ecuador ist schlechte Laune für uns wie eine Krankheit, gegen die man kämpfen, die man heilen muss. Die Menschen lachen, auch wenn es ihnen schlecht geht, damit sie andere nicht mit ihrer schlechten Laune anstecken.

Das trifft es sowas von punktgenau. Wenn ich durch die Straßen laufe, könnte ich vermutlich mit 75%iger Trefferquote beurteilen, wie gut oder schlecht es jemandem geht, einfach durch die Art wie er oder sie sich gibt.

Ganz schlimm finde ich diesen Zustand im Servicebereich, vor allem an Kassen. Wie oft man angepflaumt wird, weil man es wagt jetzt auch noch etwas zu kaufen, wo doch der Tag der Person an der Kasse so schon so scheiße war. Mach deinen Job, verdammt nochmal! Der besteht darin, dass du Bestellungen entgegen nimmst und mir die gekauften Artikel im Austausch von Geld überreichst. Dabei gehört es dazu, dass du mich, den Kunden, freundlich behandelst. Ich erwarte ja nicht, dass mir bei jedem Bezahlvorgang die Wartezeit des EC-Karten-Lesegeräts mit einem Glas Champagner versüßt wird. Aber ein freundliches Gesicht, eine offene Art und ein positives Miteinander gehört für mich einfach zu den Fähigkeit einer Servicekraft dazu.

Ich habe schon mehrfach gehört, dass dies ein typisches Leipziger Problem sei. Das bedeutet aber nicht, dass ich diese Erfahrung nicht auch schon außerhalb gemacht hätte.

Die Moral von der Geschicht: erzähl von deinen Leiden nicht.

Wie so oft habe ich mir vorgenommen: so willst du nie werden. Dabei meine ich jetzt weniger die Leipziger Servicekräfte, sondern eher den eingangs erwähnten Herren. Wenn du irgendwann in die Situation kommst, ein kurzes Gespräch mit einem alten Bekannten führen zu dürfen, dann konzentriere dich auf das Positive. Erzähl von deinem Partner und deinen Kindern. Und was du am letzten Samstag für gutes Essen hattest. Scheiß auf dein kaputtes Knie und auch mit dem Gesundheitszustand deiner Mum musst du deinen Gegenüber nicht belasten.

Ich sage nicht, dass wir alles Negative, das uns im Leben widerfährt, schlucken sollen. Ganz bestimmt nicht. Es gibt eine geeignete Kombination von anwesenden Menschen, Ort und Zeit, bei der das sogar gewollt ist. Allerdings müssen wir auch nicht bei jeder Gelegenheit unserem Gesprächspartner unsere aktuell 3 größten Probleme die Kehle herunter rammen.

Für mehr Lächeln in dieser Welt. Danke.

2. August 2013