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Attraktiv verpackter Bullshit

tl;dr: Gary Turk weiß die aktuelle Problematik im Umgang mit Smartphones ansprechend zu verfilmen. Leider vergisst er dabei die Gegenseite zu erwähnen. Ist vermutlich künstlerische Freiheit.

Falls ihr es noch nicht getan habt, solltet ihr euch an dieser Stelle das Video Look Up anschauen. Der Beitrag ist sonst nur semi-nachvollziehbar.

Der Film an sich ist wirklich gut gemacht. Das Gedicht, die Musik, die Bilder, die Story. Und ja, ich musste ein bisschen schlucken, als sich die Frau mit ihrem letzten Atemzug an den Moment des Kennenlernens erinnert und sich dafür bedankt.

Es ist aber lange nicht das erste kreative Machwerk, das die gesellschaftliche Veränderung durch Smartphones thematisiert. Seine größte Stärke – die Emotionalität – führt nur leider zu einer ziemlich undifferenzierten Betrachtung.

Sorry, aber auch das Internet ist Teil des “richtigen” Lebens

Digitale Gespräche sind für mich keine Kommunikation zweiter Klasse. Ja, Umarmung-over-IP ist noch nicht erfunden und ein Smilie ersetzt nicht das sichtbare Lächeln meines Gesprächpartners. Trotzdem können Chats und Mails genauso aufwühlend, emotional und unterhaltsam sein wie analoge Gespräche.

Es geht doch um die Personen, mit denen wir reden, nicht um das Medium.

Die ständige Verfügbarkeit, das ständige Texten mit mehreren Leuten in diversen Chats ist im Prinzip nichts anderes als der fliegende Wechsel zwischen verschiedenen Parties. Das virtuelle Wahrwerden des sprichwörtlichen Tanzes auf mehreren Hochzeiten. Gespräche können zu zweit oder in Gruppen geführt werden. Es sind sogar mehrere 4-Augen-Gespräche gleichzeitig möglich (Hashtag Effizienz). Sie können kurzweilig und nach einem Schmunzeln über 3-4 Deine-Mutter-Witze inklusive passend gesetztem Kot-Emoji vorbei sein. Zu behaupten die Kommunikation am Smartphone beschränke sich aber ausschließlich darauf, ist nicht nur falsch, sondern auch ignorant und eventuell ein kleines bisschen dumm.

Ich kann genauso gut mehrere Stunden pro Tag mit ein und derselben Person schreiben. Bewegende Gespräche über heftiges Zeug. Wie kommt man auf den Gedanken, dass dem nicht so sein könnte? Bücher können genauso Tränen hervorrufen, ohne dass jemand vor dir sitzt und dir die Worte vorliest.

Damals™

Das, was da heute passiert, der ständige Austausch über soziale Netzwerke und 17 verschiedene Messenger auf dem Smartphone, ist im Prinzip nur die sinnvolle Weiterentwicklung dessen, was nach der Jahrtausendwende herum im AOL Instant Messenger, MSN und ICQ bestand.1 Viele Freundschaften sind erst durch die Gespräche entstanden, die ich dort geführt habe. Ehrlich gesagt habe ich mich sogar über PNs2 und MSN in meine Freundin verliebt. Nicht ausschließlich, klar. Aber die Masse an Gesprächen wäre durch die damals gegebenen Umstände ohne digitale Kommunikation einfach nicht drin gewesen.

Und um das mal in dieser Deutlichkeit festzuhalten: die letzten 8,5 Jahre Beziehung hätte es nicht gegeben, hätten wir nicht den kompletten Nachmittag vor dem Rechner gesessen um uns immer mal wieder zu schreiben. Und jetzt will mir Gary Turk, Macher des obigen Videos, einreden, dass der ständige Blick auf den Bildschirm dazu führt, dass wir am laufenden Band Chancen verpassen?

Wie so oft gilt: Schwarzweißdenken ist schwer haltbar

Nehmen wir mal an, die im Sterben liegende Frau bedankt sich im letzten Atemzug für den Mut des Mannes, der sich damals trotz aller Umstände getraut hat, den “Nachricht senden”-Button zu drücken. Die Geschichte wäre immer noch genauso schön. Ich könnte ein paar Reime umschreiben, das Ergebnis Look Down nennen und hätte einen Film, der die wunderbaren Möglichkeiten von Smartphones thematisiert.

Das eine Extrem ist genauso überzogen wie das Andere. Der Unterhaltung und Übermittlung der Message mag das ja zuträglich sein. Wer aber dazu auffordert, das Smartphone für ein Mehr an Lebensqualität zu verbannen, sollte mit einer differenzierteren Beurteilung der Auswirkungen auf unser alltägliches Miteinander aufwarten können.

Deswegen ist die Kernaussage des Videos – lass dein Smartphone weg und genieß dein richtiges Leben – für mich Quark. Attraktiv verpackter Bullshit, veröffentlicht auf YouTube, mit Link zu eigener Website und zugehörigem Twitter-Account. Bevor wir also das Smartphone weglegen, sollen wir dir noch schnell bei Twitter folgen, oder wie?

Weil ich es selbst nicht besser schreiben könnte, bediene ich mich beim Fazit der Jens’schen Worte:

Im Prinzip zeichnet das Video ein gut gemachtes, aber extrem einseitiges Bild. Ja, es gibt problematischen Umgang mit Technik. Ja, es findet ein Umbruch statt und ja, mich nervt es manchmal auch, wenn Menschen sich lieber hinter dem Telefon verstecken, als sich mit mir zu unterhalten. Ich spreche sie dann einfach darauf an. Es entwickeln sich neue soziale Umgangsformen. Das ist normal. Kommt damit klar.


  1. Ja, es ist wieder soweit, Opa erzählt vom Krieg.

  2. Private Nachrichten, wie wir coolen Internet-People nicht öffentliche Posts in Foren nennen.

9. Mai 2014