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So viele Möglichkeiten, dass es schon wieder scheiße ist

tl;dr: Es gibt viel zu tun. Immer. Manchmal weil man muss, oft aber auch, weil man kann und folglich auch will. Die dadurch entstehende Tendenz Ziele zu hoch zu stecken, sorgt für Unzufriedenheit, ist aber vermutlich ein gar nicht so untypisches Erscheinungsbild unserer Generation.

Während meine Oma während des zweiten Weltkriegs geboren wurde und meine Mama in meinem Alter das Ende der DDR miterlebt hat, geht es mir eigentlich unglaublich gut. Keine Diktatoren, kein allzu bald anstehender Systemumbruch, ein solide gefüllter Kühlschrank, recht gute Aussichten auf meinen Wunschjob und die Freiheit mehr oder weniger zu machen, was ich will.

Trotz allem nagt an mir eine wiederkehrende Unzufriedenheit aus dem immer gleichen Grund: dem Gefühl das gegebene Potential nicht auszunutzen. Oder anders ausgedrückt: nichts auf die Reihe zu kriegen.

Zu viele Interessen für 24h

Es gibt sooooo, so viele Dinge, die ich unglaublich gern mache oder machen würde.

Nach bestimmt 8 Jahren Auszeit bin ich wieder dabei mein Skateboard zu malträtieren.1 Außerdem dient meine Mini-Gesangskabine seit ein paar Wochen nicht mehr nur als Abstellkammer. Im Gegensatz dazu ist die Zeit mit zunehmend von beruflichen oder elterlichen Pflichten eingenommenen Freunden unangenehm rar geworden.

Der Anzahl an verschiedenen Orten Leipzigs, die ich in meinem 6 Jahren hier gesehen habe, ist genauso traurig wie meine de facto nicht vorhandenen Fertigkeiten als Koch. Und auch obwohl ich weiß, dass mir Schlaf und Sport genauso gut tun, wie Mama, Papa und alle Ratgeber immer sagen, komme ich dem immer noch wesentlich weniger nach, als ich gern würde.

Dazu kommt, dass sich meine Masterarbeit nicht von allein schreibt und Geld auch irgendwo herkommen muss. Und selbst in der Zeit, wo ich nicht vor dem Rechner sitzen muss, tu ich es gern. Um Beiträge wie diesen hier zu schreiben, mein Stundenplan-Tool für das kommende Semester vorzubereiten oder Lukas’ Shownotes-Tool für Podcaster einen hübscheren Anstrich zu verleihen.

Habe ich schon erwähnt, dass ich noch ein Buch schreiben wollte? Bzw. nur sehr sporadisch zum Lesen selbiger komme? Oder dass meine Checken-Playlist bei Spotify genauso überläuft wie die Anzahl ungehörter Podcast-Episoden?

These: ich habe das Rumgammeln verlernt

Diese illustre Sammlung an Hobbies, selbstauferlegten Aufgaben und Projekten führt dazu, dass ich selten “nichts” mache. Tatsächlich ist es so, dass ich dem Punkt, an dem ich eigentlich gern wäre, stets hinterher laufe, in fast allen Bereichen. Was dann wiederum der Grund dafür ist, dass ich ziemlich schnell ein schlechtes Gewissen kriege, sobald ich mich einfach zurücklege und länger als ein paar Minuten chille.

Ich habe weise Freunde, die, sobald ich anfange deswegen zu jammern, mit Sätzen antworten wie:

Das Leben ist kein Wettbewerb.

Da ist was dran und ich weiß, wie es gemeint ist. Aber: es ist nicht so, dass es mir darum geht, besser als Person X zu sein oder mehr auf die Kette zu kriegen, als der Durchschnittsdeutsche. Es geht um das wohlige Gefühl am Ende des Tages etwas geschaffen zu haben, was am Abend zuvor noch nicht da war. Coolen Scheiß starten und vor allem zu Ende bringen ohne irgendwem außer bestenfalls mir selbst etwas beweisen zu wollen.

Trotz dessen bin ich mir durchaus bewusst, dass man um die wirklich produktive Zeit möglichst effizient und konzentriert nutzen zu können, das Aufladen der eigenen Akkus nicht endlos aufschieben sollte. Fällt mir aber zugegebenermaßen oftmals schwer.

Mehr Auswahl ist eben doch nicht immer besser

Im Text Creating distraction-free reading experiences geht es hauptsächlich um Design. Dennoch bringt Autor Adrian Zumbrunnen ein schönes Beispiel um zu demonstrieren, dass ein Mehr an Auswahl nicht immer ein Gewinn ist:

Having too many options is overwhelming. Let’s say you go to a restaurant with tons of delicious options to choose from. What starts as a pleasant and inspiring mental food porn cinema quickly gets you in a bloodcurdling situation, forcing you to make a tough decision:

What is it gonna be tonight? The hamburger or the pizza?

No matter what you decide, you will wonder whether you made the right decision and how the other menu might have tasted.

Kurzum: wer sich für A statt B entscheidet, kann sich während einer ruhigen Minute hervorragend mit der Frage quälen, ob A den Verzicht auf B wirklich wert war. Im Prinzip das klassische “Wer die Wahl hat, hat die Qual”. Oder wie die coolen Marketing-Kids sagen: Choice Kills Conversion.

Früher war ich unentschlossen. Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.2

Ich für meinen Teil kann mich nur schwer zwischen verschiedenen Hobbies entscheiden und halte stattdessen an der maximal-optimistischen Taktik fest, alles unter einen Hut zu bekommen. Zugegebenermaßen stehe ich auch ein bisschen drauf, unter Strom zu stehen, solang es sich um selbstverursachten Stress handelt und der Output es wert ist. Letzten Endes macht sich aber immer mal wieder Enttäuschung breit, weil leider doch irgendetwas auf der Strecke bleibt.

Jaja, ich weiß, was du sagen willst. Am Ende ist es naheliegend, dass man sich nur ernsthaft für das eine entscheiden kann, indem man etwas anderes außen vor lässt. Aber irgendwie ist das doch schade, oder? Und vermutlich auch der Grund für die eingangs erwähnte, immer mal wieder aufkeimende Unzufriedenheit.

Es gibt allerdings auch Anzeichen dafür, dass ich damit ganz und gar nicht allein bin. Beispiel gefällig? Siehe Bambule.3


  1. Und andersrum. Vor allem andersrum.

  2. Einer der – wie ich finde – wenigen, wirklich lustigen Sprüche auf EMP-Shirts.

  3. Ich hätte das Video ja direkt eingebunden, aber die ZDF Mediathek ist ein fieses Tracking-Monster und mag mich nicht.

20. August 2014