Schlagzeilen

Diese Worte rührten mich zu Tränen und werden dein Leben für immer verändern

tl;dr: Zu Risiken und Nebenwirkungen der Internetüberwachung lesen Sie Schlagzeilen und fragen Sie Ihren Lieblingsblogger oder Netzpolitikklugscheißer.

Die Wellen, die die Veröffentlichungen von Edward Snowden schlugen, sind mittlerweile 1 Jahr unterwegs und ebben zunehmend ab. Leider. Gefühlt ohne wirkliche Konsequenzen außer jeder Menge Empörung.

Ich hatte kurz vor Weihnachten schon einen Artikel dazu fertig geschrieben. Er bestand zum größten Teil aus Resignation und hat mir nach ein paar Tagen Wirkenlassen nicht mehr gefallen. Und wenn er mich nicht überzeugt, wie soll er dann den gewünschten Effekt bei dir, dem Leser, haben? Darum entschied ich mich vorerst dazu, ihn nicht zu veröffentlichen. Zu demotivierend, kaum Konstruktives.

Heut vormittag haben mich erneut ein paar Gedanken überflutet und ich begann in die Tasten zu hauen. Das, was ich schon lange hätte tun sollen, möchte ich heute nachholen. Enno zum NSA-Abhörskandal, die Zweite.

Ach ja: dickes Sorry für die Überschrift. Zum einen liebe ich es mich über Clickbait-Headlines lustig zu machen, zum anderen ist mir das hier wirklich ein Anliegen. Ich hoffe der Zweck heiligt in diesem Fall die Mittel.

Geht mich nix an, hab nix zu verbergen und kann eh nix machen

Standard-Wannabe-Diskussionskiller? Nicht. Mit. Mir.1

Was geht mich die Überwachung an? Ich bin gar nicht so oft im Internet. Und wenn, dann weiß ich doch, dass ich dort nichts Privates von mir gebe.

Erstmal: das nehme ich mindestens 66% von denen, die den letzten Satz mit geschwellter Brust in die Welt posaunen, nicht ab. Oder die Auffassung von privat vs. öffentlich weicht stark von der meinen ab.

Dazu ist das ziemlich ignorant. Bloß weil du nicht direkt betroffen bist, heißt das nicht automatisch, dass du es ignorieren musst. Du kannst als Mann die Gleichberechtigung von Frauen fordern, du kannst als Projektmanager den Mindestlohn für Frisöre unterstützen oder als Europäer einem US-Kinderkrankenhaus Geld spenden.

Du musst nicht direkt betroffen sein, um die Interessen deiner Mitmenschen zu verstehen und dich für das Wohlbefinden anderer zu interessieren.

Ich halte mich an geltendes Recht und habe nichts zu verbergen. Sollen sie doch alles überwachen, wenn es dazu führt, dass weniger Verbrechen begangen werden.

Erstmal: warum hast du Gardinen vor deinen Fenstern, warum schließt du die Klotür ab und warum lässt du nicht jeden an dein Handy? Weil das alles in deine Privatsphäre fällt und um dort einzudringen sollte es schon einen sehr triftigen Grund geben.

Stell dir vor, ich würde deine Wohnungstür ausbauen und sagen “Bevor du deine Tür wiederkriegst, werde ich dir erstmal eine Weile zuschauen um sicherzustellen, dass du dich an das Gesetz hältst.” Bisschen befremdlicher Ansatz, oder?

Dein Zweiter Satz impliziert, dass diese gigantische Ansammlung an Daten zu jederzeit ausschließlich der Verbrechensbekämpfung dient und nie, nirgendwo, unter gar keinen Umständen missbraucht werden könnte. Und das ist, sagen wir mal, optimistisch.

Das was der Mensch missbrauchen kann, wird er missbrauchen. Die Atomspaltung wird nicht nur zur Energiegewinnung, ein Messer nicht nur zum Brotschneiden und Feuer nicht nur zum Grillen verwendet.

Dazu steigt die Wahrscheinlichkeit des Missbrauchs, wenn wir bedenken, dass Geheimdienste die “Beschützer” unserer Daten sein wollen. Den Mitarbeitern der NSA ist von Berufs und Gesetzes wegen verboten, auf illegales Vorgehen beim Erheben und Auswerten von Daten hinzuweisen, wie Edward Snowden eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Außerdem: wenn die Daten einmal da sind, sind sie da. Das könnte uns bei krassen politischen Wendungen, die – bei allem Respekt – auch du nicht vorhersehen kannst, zum Verhängnis werden.

Frage dich bitte, ob der Nutzen, also die Anzahl verhinderter Straftaten, das Risiko des Missbrauchs rechtfertigt.

Und selbst wenn… man kann ja eh nix machen.

Doch! An allererster Stelle z.B. nicht von der Masse an Arbeit überwältigt werden. Es gibt viel zu tun. Vielleicht mehr, als wir je erreichen können. So scheint es zumindest. Aber deshalb gar nicht erst anfangen?

In der Informatik gibt es für konstruktives Vorgehen bei Aufgaben schwer überschaubarer Größenordnungen die Bezeichnung Divide & Conquer. Große Aufgaben werden in kleine Teilaufgaben zerlegt, die wiederum in kleinere, greifbare Aufgaben zerlegt werden. Dabei erreicht man eine besser greifbare Struktur und kleine Schritte, die man nach und nach abarbeiten kann.

Also: Sätze wie “wir können sowieso nichts tun”, “das System ist schuld” und “George Orwell hatte Recht” bitte zugunsten von etwas konstruktiverem vermeiden. Was meint konstruktiv in diesem Fall?

  1. Schwierige Gespräche im Bekanntenkreis nicht meiden
  2. Kleine, aber bewusste Zeichen setzen
  3. Netzpolitik eine Lobby geben

Und an der Stelle wechsle ich die Anrede von “du, den ich erst noch belehren muss” hin zu “ihr, die über die Thematik Bescheid wisst”. Denn jetzt geht es darum, was wir tatsächlich tun können.

1. Schwierige Gespräche im Bekanntenkreis nicht meiden

Glaubt mir, ich bin kein Freund davon den sowieso viel zu raren Treffen mit Freunden durch Politik als Gesprächsthema eine düstere, unangenehm anstrengende Note zu verleihen. Doch das hier ist wichtig. Die Menschen, zu denen wir direkten Zugang haben, die uns als Menschen schätzen, das sind diejenigen, bei denen wir anfangen sollten.

Plappert nicht nur euren Standardvortrag runter, so wie ich gerade. Hört den Leuten zu, versucht auf sie einzugehen. Das ist keine Talkshow, hier geht es nicht um Redezeit. Ziel ist euer Gegenüber zum Nachdenken zu bewegen und im Idealfall das Verständnis dafür zu vermitteln, wo in der aktuellen Entwicklung die Probleme liegen – und warum auch sie bzw. er betroffen ist.

Wichtig ist auch Viel wichtiger ist außerdem, dass wir Digital Natives nicht in unserem eigenen Saft triefen. Sonst wundern wir uns wieder, warum die CDU am Ende die Wahlen gewinnt, obwohl der Eindruck unter Einbeziehung des persönlichen Umfeldes ein komplett anderer war. Die Mehrzahl der Deutschen da draußen ist älter als wir und hat weniger Plan von diesem Internetzdingens. Doch selbst Leute, die das nur peripher tangiert2, dürfen ruhig ein Bewusstsein für die Konsequenzen der gezielten Ausspähung unserer digitalen Kommunikation bekommen.

Denn ist besagtes Bewusstsein einmal in der Gesellschaft angekommen und sind die Sinne für die Thematik geschärft, ist das Ausüben von Druck auf Entscheidungsträger in der Politik ein ganzes Stück einfacher. Das ist zumindest meine Hoffnung.

2. Kleine, aber bewusste Zeichen setzen

Ihr müsst euch kein ultimativ unverfolgbares, maximal anonymes, vollverschlüsseltes Digital-Ich aufbauen. Es reichen kleine Schritte, die ein “Nein, es ist mir nicht egal”-Signal senden.

Zum Beispiel ein Wechsel weg von großen Email-Anbietern wie Gmail, Web.de, GMX, 1&1 etc. hin zu sowas wie Fastmail oder Posteo. Oder DuckDuckGo als Standardsuchmaschine einrichten und Google nur als Ersatz heranziehen. Ihr könnt Threema oder Telegram statt WhatsApp nutzen. Außerdem recht einfach: Facebook in einem eigenen Browser laufen lassen, um das Tracken durch Plugins zu minimieren.3 Alles kleine Schritte, die die Welt nicht verändern, aber doch eine alternative Richtung aufzeigen und Signale an die Betreiber senden.

Google hat z.B. eine Erweiterung vorgestellt, mit der sich E-Mails verschlüsseln lassen. Die Erweiterung ist Open-Source und es gibt sogar Geld für Entwickler, die Sicherheitslücken aufdecken. Dafür kann es zugegebenermaßen mehrere Gründe geben. Mir gefällt jedoch die Interpretation, dass sich Google in Zugzwang sah, weil eine kritische Masse an Gmail-Nutzern ein Zeichen gesetzt hat, in dem sie den Dienst wechselte.

3. Netzpolitik eine Lobby geben

Ihr könnt über Sascha Lobo denken und sagen, was ihr wollt, aber ich finde die Präsentation auf der Republica trifft es besser, als alles, was ich dazu schreiben könnte:

Quintessenz: wir brauchen Repräsentanten, die sich für eine bessere Netzpolitik an der Stelle stark machen, wo Gesetze gemacht werden. Sie sind da, nur fehlt ihnen Geld. Bitte denkt über ein kleines Taschengeld für den Digitale Gesellschaft e.V. nach.

Fazit?

Es ist eigentlich gar nicht soooo viel zu tun, und wirklich schwer ist es bei näherer Betrachtung auch nicht, oder?

Ich habe euch eine Argumentation an die Hand gegeben und mögliche Maßnahmen. Wenn ihr nur eine Sache aus diesem Beitrag mitnehmen wollt, dann bitte die Tatsache, dass Bewusstsein schaffen wichtig ist, so abgedroschen das auch klingen mag. Wenn das Problem und die Konsequenzen in einem breiteren Teil der Gesellschaft wirklich angekommen sind, ist schon viel erreicht. Warum? Darum:

Du bist nur ein Wassertropfen, kannst nichts ändern hier auf Erden.
Doch aus vielen Wassertropfen können Wasserfälle werden.


  1. Es gibt ungefähr 5 Leute auf dem Planeten, die diesen Insider verstehen, doch das ist es mir wert.

  2. Haha, ich hab’s schon wieder getan (siehe Fußnote 2 im verlinkten Artikel).

  3. Jaja, vermutlich kann die Verbindung bei statischen IPs oder irgendeine andere Kennung trotzdem hergestellt werden. Aber ich fühl mich wohler dabei.

7. Juni 2014