Schlagzeilen

Liebe Hater des RB Leipzig, wir müssen reden.

tl;dr: RB Leipzig mag ein vom Kommerz initialisierter und geleiteter Verein sein. Aber ich glaube nicht, dass er der Bundesliga schaden wird, denn die Gründe, die ihr dafür nennt, sind vorgeschoben und realitätsfern.

Als ich in die zweiten Klasse war, kamen Stickerhefte wieder in Mode. Einkleben, handeln, tauschen. Besonders beliebt waren Korksticker. Eigentlich hässlich wie Hölle, aber irgendwie besonders. Und entsprechend teuer. Außerdem in jedem Heft vertreten: eine dedizierte Seite nur mit Borussia-Dortmund-Logos.

Der BVB war damals angesagt, weil er auf einem guten Weg war die zweite Meisterschaft in Folge zu holen. Von da an war ich halt BVB-Fan. Irgendwie reingerutscht.

In den folgenden Jahren hatte ich Fußball sehr interessiert verfolgt. Nicht nur, dass ich selbst angefangen habe, im Verein zu spielen – Germania Olvenstedt, AHU! – ich habe selbstverständlich auch dafür gesorgt, dass die Panini Stickeralben am Ende der Bundesligasaison möglichst vollständig waren.

Das war aber auch alles scheiße aufregend damals. 1996. Dortmund wird Deutscher Meister, Deutschland Europameister. Im Jahr danach holt Schalke den UEFA Pokal. War zwar Schalke, aber immerhin eine deutsche Mannschaft, whoa. Ganz zu schweigen von dem 3:1 gegen Juventus Turin, das Dortmund im selben Jahr den Champions League Titel brachte. Es gibt wenige Fußball-Momente, an die ich mich so lebendig erinnere, wie das 3:1 von Lars Ricken. 15 Sekunden nach seiner Einwechslung der Siegtreffer mit der ersten Ballberührung. Hach.

Während 1998 mit der Fußball-WM und vor allem dem Durchlauf von Kaiserslautern – der Aufsteiger aus der 2. Liga wird im Jahr darauf direkt Deutscher Meister – immer noch ziemlich dufte war, ebbte mein Interesse danach ab. Die Dominanz von Bayern München war einfach langweilig. Bis auf wenige Ausnahmen fehlten die Überraschungen. Seit 1999 gingen 10 der 16 Meisterschaften an Bayern. Nuff said.

Fast Forward in die Gegenwart. Die Bayern, die im letzten Jahr Deutsche Meisterschaft, Champions League und den DFB-Pokal geholt haben und in diesem Jahr so schnell Deutscher Meister geworden sind wie keine Mannschaft vor ihnen, gewinnen gegen Dortmund im DFB-Pokalfinale mit 2:0. Die Dominanz ist noch immer ungebrochen. Während ich es ihnen in letztem Jahr aus diesem Grund gegönnt habe, bin ich mittlerweile einfach nur noch stinkig. Die Frage ist doch: warum ist diese Dominanz seit einem Jahrzehnt ungebrochen?

Totally unrelated: RB Leipzig

Gehen wir eine Spielklasse weiter nach unten. Ein Verein namens RB Leipzig gibt in der kommenden Saison sein Zweitligadebut. RB steht für Rasenballsport, eigentlich aber für Red Bull. Der Energy-Drink-Hersteller aus Österreich hat beschlossen, dass im Fußball viel Geld zu holen ist und möchte nun ein Stück vom Kuchen abhaben. Aus diesem Grund erblickte das Projekt RB Leipzig 2009 das Licht der Fußballwelt, damals noch in der Oberliga.

2010 gelang der Aufstieg in die Regionalliga, dort dauerte es 3 Jahre, bis man mit der 3. Liga das nächste Level erreichte, um sich in diesem Jahr direkt einen Platz in Liga 2 zu sichern.

Je näher RB der Bundesliga kommt – und der Aufstieg in diese ist das langfristige Ziel von Red Bull – desto mehr Aufmerksamkeit erregt der Verein. In der Regel wird RB vorgeworfen kein Traditionsverein zu sein und keine Fankultur zu haben. Der Club sei nichts weiter als ein Unternehmen, gegründet um aus dem Fußball so viel Geld rauszupressen wie möglich.

Das Argument der Fankultur kann ich aufgrund der jungen Vergangenheit von RB nachvollziehen. Man kann zwar hinterfragen, ob die eher zurückhaltende und friedliche RB-Fangemeinde weniger wert ist, als die der “Traditionsclubs”, aber Idioten gibt es überall. RB hat hier sicherlich auch noch unangenehmen Zulauf zu erwarten.

Aber zu behaupten, in allen anderen Vereinen würde viel Wert auf Tradition gelegt werden, halte ich für etwas naiv. Und ja, jetzt geht der Rant los.

Die Tradition eures Clubs ist ein Märchen, hinter dem ihr euch versteckt

Eure Vereine haben genauso viel Sinn für Tradition wie ihre Spieler, die sich letzten Endes oft dahin orientieren, wo das meiste Geld liegt. Wer kann es ihnen verwehren. Fußballer erledigen auch nur ihren Job und wenn der woanders besser bezahlt wird…

Doch worin seht ihr Tradition? Der Kader eures Vereins rotiert ständig, sodass ihr alle 5 Jahre eine komplett neue Mannschaft auf dem Rasen stehen habt. Hochgezogene Talente aus der eigenen Vereinsjugend sind selten, genauso wie Spieler, die über viele Jahre hinweg einem einzigen Verein treu bleiben.

Vor allem wenn man sich Richtung Tabellenspitze orientiert, trifft man auf Mannschaften, wie ich sie beim DSF Fußball Manager 981 nicht besser hätte zusammenkaufen können. Dort wo große Erfolge gefeiert werden, wird viel Geld gemacht. Geld, das u.a. dazu genutzt werden kann, um neue Spieler zu kaufen, damit der Erfolg weiterhin anhält und dieser Kreislauf am Leben erhalten wird.

Der Profifußball ist bereits vom Kommerz zerfressen. Schon ziemlich lang. Man könnte argumentieren, dass es einen Unterschied macht, ob ein Verein über die Jahre zerfressen wurde, oder von vornherein nur als Geldmaschine ausgelegt ist. Aber mal ehrlich: macht es das wirklich?

Eure Tradition ist nicht die Tradition des Vereins

Was ihr meint, wenn ihr “Traditionsclub” sagt, ist eure, ganz persönliche Tradition. So wie ich angefangen habe BVB-Sticker zu sammeln, so habt ihr euren ganz individuellen Zugang zum Verein erlebt. Ihr habt über Jahre mit dem Verein gelitten und Erfolge mit Freudentränen gefeiert. Das ist eure Tradition, aber nicht die Tradition des Clubs. Denn der kennt sowas nicht.

Der einzige Grund, warum ihr und vor allem die Verantwortlichen eures Vereins pissig sind, ist diese gefühlte Ungerechtigkeit. Von irgendwo her kommt ein großer Batzen Geld, der in einen Verein gesteckt wird – und ihr bekommt nichts ab. Ihr wisst ganz genau, das viel Geld dafür sorgen wird, dass RB über kurz oder lang in der ersten Liga spielen und eurem Club das Leben schwer machen könnte. Wegen der Geldmacht, die dahinter steckt. Und euch bleibt nichts weiter übrig als euch hinter “Na und? Dafür sind wir die cooleren mit Tradition und so!” zu verstecken.

Und glaubt mir, ich kann das sehr gut nachvollziehen. Natürlich ist es nervig, wenn ein Verein einfach durch seine finanziellen Mittel gute Spieler aufkaufen und damit jegliches Potential ernstzunehmenden Wettbewerbs im Keim ersticken kann. Die Frage ist: meine ich im letzten Satz den FC Bayern oder RB Leipzig?

Anders formuliert: das, was ihr befürchtet, ist längst Realität.

Fehlende Fankultur und Tradition sind nur vorgeschobene Gründe. In Wahrheit fürchtet ihr einen zweiten FC Bayern München. Mein Mitleid hält sich aber in Grenzen. In einer Bundesliga, in der der einzige wirkliche Verfolger in 2 Jahren hintereinander mit Götze und Lewandowski seine besten Spieler an die sowieso schon dominierende Mannschaft abgibt, kann Geld keinen größeren Schaden mehr anrichten.

Egal wie sehr ihr rumheult. Egal wie sehr ich rumheule.


  1. Selbstverständlich inklusive Fanpack für die Saison 98/99.

18. Mai 2014