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Rom in a Nutshell

tl;dr: Rom ist auf seine eigene Art sehr schön. Rom ist auf seine eigene Art sehr hässlich.

Wirft man einen Blick auf das Archiv dieses Blogs, stellt man fest, dass ich mitunter mehrteilige Reiseberichte ankündige, nur um selbige dann nach 3 Teilen verwahrlosen zu lassen. Um dem vorzubeugen will ich diesmal die Ausführungen zu meinem 5-tägigen Rom-Trip auf einen einzigen Blogpost beschränken. Statt euch aber mit einem detaillierten Reisebuch zu langweilen, picke ich mir lieber die Rosinen raus und schreibe über die Sachen, die mir besonders im Gedächtnis hängen bleiben werden.

Was natürlich nicht bedeuten soll, dass dieser Artikel nicht genauso Überlänge hat wie alle anderen. Ich habe einen Ruf zu verteidigen!

Roms Verkehr ist außer Kontrolle. Und funktioniert.

Glücklicherweise sind meine bessere Hälfte und ich der wahnwitzigen Idee uns einen Wagen für die Woche zu mieten nicht nachgegangen. Denn was auf Roms Straßen abgeht, ist als Außenstehender schwer zu erfassen. Ich fühlte mich stark an Youtube-Videos aus Indien erinnert.

Anfangs wirkt es so, als ob sich alle an das Motto “wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht” halten. Viel Gehupe, Vorfahrtgeklaue, Ausgebremse. Im Laufe der Zeit habe ich aber gerafft, dass die Vorfahrtsregeln einfach andere sind und dadurch ein besseres Miteinander entsteht.

Während hierzulande bei der Einfahrt in einen Kreisverkehr Vorfahrt gewährt werden muss, wirkte es in Rom so, als würde sich jeder dahin quetschen wo gerade Platz ist. Das führt zwangsläufig dazu, dass der Verkehr zäher läuft, allerdings muss auch niemand ewig warten. Reißverschluss on the fly. Mehr oder weniger.

Auch eine grüne Ampel für Linksabbieger heißt eigentlich nicht viel mehr als “du darfst jetzt fahren, aber einige dich bitte selbstständig mit allem, was dir auf deinem Weg in die Quere kommen könnte”. Dazu habe ich auch beobachtet, wie aus einer Linksabbiegerspur mal eben 3 gemacht wurden, nur um sich danach wieder in eine einzige einzufädeln. Super seltsam, aber mit ein bisschen Gehupe funktioniert das. It’s magic!

Ok, viele Autos haben Schrammen und andere sichtbare Schäden. Aber ich könnte mir durchaus vorstellen, dass aufgrund der erforderlichen höheren Aufmerksamkeit schwere Unfälle seltener sind. Vielleicht täusch ich mich, aber am Ende hat das irgendwie Sinn gemacht und wirkte gar nicht mehr so beängstigend wie am Anfang.

Mopeds sind die neuen Fahrräder

Während in Leipzig Radfahren gefühlt eine eigene Religion ist, ist man als hipper Römer auf dem Moped unterwegs. Egal ob im Business-Look, Freizeitkleidung oder mit kleinem Schwarzen – Motorroller sind the Shit, wenn es darum geht fix von A nach B zu kommen.

Mopeds all over the piazza

Das entspricht ein Stück weit schon einem typischen Klischee, das man von Italienern hat. Dennoch war es unterhaltsam zu beobachten, wie sich die Mopedianten über Spuren hinweg durch die Autos schlängelten. Das wirkte – typisch für den römischen Verkehr – stets etwas lebensmüde, aber hat in unserer Gegenwart immer funktioniert.

Die hohe Dichte an motorisierten Zweirädern ist wohl auch der Grund dafür, dass sich zwischen all den kleinen Bistros und Lädchen jeder Art immer mal wieder eine schmale Werkstatt schummelt. Anfangs war es seltsam mit Pastageruch in der Nase auf Schrauberlinge mit Schmiere an den Händen zu schauen. Am Ende ist es allerdings nur folgerichtig.

Gelbe Fußgängerampeln

Eine weitere Besonderheit auf römischen Straßen: zwischen grün und rot gibt es bei den Fußgängerampeln auch noch gelb. Jedoch meint gelb hier nicht das “halt sofort an oder mach dich ganz schnell rüber, gleich wird’s rot”-gelb, sondern ein “ich hab die Farbe mal vom immergleichen grün auf was anderes umgestellt”-gelb.

Ehe eine Fußgängerampel schlussendlich rot wird, können weitere 20 Sekunden vergehen. Bei gelb nicht mehr über eine Fußgängerampel gehen ist also eine typische Touri-Falle. Gelb ist wie grün, nur anders. Die spinnen, die Römer.

Wasser aus dem Brunnen statt aus dem Hahn

Während Trinkwasserbrunnen in Form von Wasserpumpen hierzulande eher selten aufzufinden sind und gefühlt nur der Bespaßung von Kindern dienen, die sich stundenlang am Pumpmechanismus erfreuen können, sind sie in Rom essentiell um zu überleben. Das war zumindest eine Einschätzung, die ich von einem Tour-Guide im Vorbeigehen aufgeschnappt habe.

Trinkwasserbrunnen in Rom, Quelle (no pun intended): [Deutsche In Rom](http://deutscheinrom.blogspot.de/2012/06/trinkwasserbrunnen-in-rom.html "Deutsche in Rom: Trinkwasserbrunnen in Rom")

Das Wasser, das in Rom aus einem Wasserhahn kommt, ist sehr hart und eine gute Beschäftigungstherapie für die Nieren. Stattdessen gibt es in regelmäßigen Abständen kleine, kontinuierlich laufende Trinkwasserbrunnen, die das Wasser direkt von der Quelle weiterleiten. Das Ergebnis: kaltes (!), klares Wasser. Und es schmeckt tatsächlich sehr gut. Bei den Temperaturen ist das wirklich viel Wert.

Sightseeing-Highlights

Mal etwas Touri-Talk: was muss man denn nun in Rom gesehen haben? Kolosseum, Trevi-Brunnen, Forum Romanum. In der Reihenfolge.

Das Kolosseum ist imposant. Von außen und von innen. Dazu auch noch die Geschichten, die wir uns nebenbei via Auidoguide eintrichterten. Das war schon cool.

Kolosseum von der Südseite

Das Forum Romanum zusammen mit dem Palatino ist genau daneben und bietet noch viel mehr mäßig bis fast gar nicht mehr erhaltene Architektur längst vergangener Zeiten. Auch hier vor allem durch den Audioguide mit Leben gefüllt. Es war sehr warm und gab Sonnenbrand galore, aber die Anblicke und das Umherschlendern dort waren tatsächlich ziemlich toll.

Blick auf einen Teil vom Forum Romanum (dass diese Touris immer ins Bild rennen müssen 🙄)

Warum sind all die Gebäude eigentlich nicht mehr da oder so schlecht erhalten? Einerseits ausgebrannt, andererseits waren die Päpste geil auf die Ummantelung aus Marmor und waren der Meinung das stünde dem Petersdom und anderen kirchlichen Einrichtungen besser, als den Ex-Palästen der Cäsaren. Sowohl historische Bildung als auch eine Prise Religionskritik im Blogpost einbringen: ✓.

Kurz bevor es dämmerte, landeten wir beim Trevi-Brunnen, der einfach riesig ist. Es war unheimlich voll und Polizisten sorgten via Pfeife dafür, dass niemand Flächen betrat, die es nicht zu betreten galt. Dennoch war das ein sehr schöner Moment dort.

Trevi-Brunnen

Ich hab eigentlich gar nicht so viel für Architektur, Kunst oder was auch immer übrig, aber die genannten Sehenswürdigkeiten machten den Trip durchaus zu etwas Besonderem.

Enttäuschungen

Neben den vielen schönen Momenten gab es aber auch ein paar Sachen, die nicht so Bombe waren. Jemand hatte beschlossen Ende Mai 2016 mit Bauarbeiten an der spanischen Treppe zu beginnen, was den Eindruck natürlich mächtig schmälert. Das war sehr schade.

Spanische Treppe feat. Absperrungen und Baugerüste

Der Circus Maximus ist nicht viel mehr als eine staubige Ansammlung von Gras. Außerhalb des Stadtzentrums ist Rom außerdem dreckig und riecht. Ist halt ne Großstadt.

Vom Vatikan hatte ich mir etwas mehr versprochen. Nicht nur, dass man alle 10 Sekunden (keine Übertreibung!) die Kaltakquise der auf lose sitzende Geldbeutel lauernden Tour Guides über sich ergehen lassen musste. Auch das, was es letztendlich zu sehen gab, war bestenfalls ok. Zugegeben: die sixtinische Kapelle (Audioguide!) hat was und der Petersplatz ist unerwartet riesig (Wikipedia sagt 340mx240m), aber am Ende ist mein Begeisterungsvolumen für diese Art von Sehenswürdigkeit eher begrenzt. Museum Overload. Ist nicht mein Ding.

Dazu kam noch, dass man beim Weg aus dem Petersdom raus wieder alle 10 Sekunden von Leuten angesprochen wurde, die einem Ansichtskarten, Wasserflaschen und Selfie-Sticks verkaufen wollten. Apropos…

Peak Selfie-Stick

Ich kenne das von Konzerten und hatte es auch in Island schon erlebt, dass die meisten Leute einen Großteil ihres Seins durch das Display ihres Smartphones erleben. Aber das Ausmaß dessen war in Rom so ausgeprägt wie nie zuvor.

Mir ist bewusst, dass ich wieder älter klinge, als mich meine grauen Haare eh schon wirken lassen, aber: beobachtet man die Menschen um sich herum, könnte man meinen, dass bei allem, was es in Rom so zu sehen gibt, das Ziel des Trips eigentlich darin besteht, das bestmögliche Selfie-Motiv zu finden. Was genau man da eigentlich gerade sieht, was dahinter steckt oder dass es diesen Moment gerade gibt, wo man vor diesem wasauchimmer steht, ist egal. Hauptsache in Selfie-Form konserviert.

Jeder soll für sich selbst entscheiden, wie er seinen Urlaub erlebt, aber das kann es doch nicht sein, oder? Ausschließlich nach Rom zu fahren, um Instagram-Material anzuhäufen und anderen die Kehle runterzurammen, was für ein geiles Leben man gerade hat? Als Reiseblogger oä, ok. Aber sonst?

Ich will ja niemanden verurteilen, aber… naja… ich tue es hiermit. Vom Drang zur Selbstdarstellung bin auch ich nicht befreit und ich habe bestimmt auch nicht wenig Fotos gemacht. Für mich sind das aber eher Erinnerungsbrücken. Für Erinnerungen an Momente, an die es sich zu erinnern lohnt, weil man sie tatsächlich erlebt hat.

Urlaub Is What Happens To You While You’re Busy Having No Other Plans1

Bereits in meinem Malle-Artikel hatte ich festgestellt, dass die schönsten Sachen passieren, wenn man einfach drauf los macht, die Gegend erkundet und dabei Augen und Ohren offen hält.

So kam es, dass wir am ersten Abend einen etwas abweichenden Rückweg eingeschlagen haben und dabei ein ruhigeres, scheinbar etwas nobleres Viertel passierten. Plötzlich sind wir an einem kleinen Park vorbei gelaufen, der am Ende ein unglaublich tolles Panorama auf die Stadt bot. Sowohl meine Freundin als auch ich selbst haben versucht die Eindrücke jeweils via Spiegelreflex- und iPhone-Kamera festzuhalten, leider mit nicht im Blog vorzeigbarem Erfolg.

Ungeachtet dessen war dieser Ausblick dort das erste Hach-Erlebnis, nachdem Ankunft und erste Stunden in Rom lediglich okay-ish waren.

Wir waren viel zu Fuß unterwegs und haben dadurch quasi aus Versehen das Jüdische Viertel entdeckt. Dort gab es sowas wie das Leipziger Barfußgässchen, nur etwas geräumiger und… einheimischer. Die Via del Portico D’Ottavia ist gefüllt mit jüdischen Bars und Restaurants. Und während man leicht verwirrt aber dennoch fasziniert an seiner Artischocke nach jüdischer Art knabbert, findet hinter einem in großer Runde das abendliche Meetup der alten Omis und Opis statt. Das hatte massiv Flair und war ein sehr netter Abend.

Italienisches Essen

Oft wird von der Servicewüste Deutschland gesprochen, aber auch in Rom ist der Kunde nicht immer König. Das war seltsam. Ich habe Pizza gegessen, die sehr lecker war (in besagtem jüdischen Viertel), Pizza, die ok war (direkt neben unserer Unterkunft), und ebenso Pizza, die echt nicht gut war (unweit des Pantheon, am verfluchten ersten Tag). Ich wusste bis dato gar nicht, dass Pizza, die nicht gut schmeckt, im Rahmen des Möglichen liegt.

Sehr gut hingegen waren sowohl das Personal als auch das Essen in einer Mozzarella Bar am Campo Dei Fiori. Die dahinter stehende Kette namens Obicà gibt es allerdings weltweit. Entsprechend international war der Schuppen ausgerichtet. Englisch war bei den Speisekarten z.B. keine Alternative sondern die Standardsprache. War jedenfalls sehr, sehr lecker. Außerdem haben wir dazu auf Empfehlung ein gut knallendes, süßes Getränk namens Limoncello probiert.

Unweit unserer Unterkunft gab es außerdem einen Eisladen, der vor allem abends voll war. Während sich die coolen Kids hierzulande zur späten Stunde noch schnell was von Mäckes oder Subway einpfeffern, gibt man sich in Rom eher Eis in modernem Gewand in der Gelateria La Romana. Dabei muss man Subway-ähnlich eine Reihe von Entscheidungen treffen, bei der ein Team aus freundlichen, jungen, auffallend attraktiven Bedienungen bereitwillig assistiert. Die Eissorten selbst stehen nur in italienisch da, was uns aber nicht davon abhielt, dort 2x zuzuschlagen.

Ich würde mir ähnliches auch hier in der Nähe wünschen, weil es grandios lecker ist. Und sich dazu besser anfühlt als Fast Food. In Wien gibt es wohl bereits einen Ableger. Da geht noch was.

Also?

Viele Wege führen nach Rom. Die Frage ist, inwiefern es sich lohnt einen davon auf sich zu nehmen. Ich bin froh, dass ich die Zeit dort hatte, glaube aber, dass es andere Ziele gibt, bei denen sich das Erkunden mehr lohnt. Wer auf Geschichte, Architektur und Kunst steht, für den ist Rom sicher ein Schlaraffenland. Für mich war es wie gesagt ok, es gab viele Hochs, und auch ein paar Tiefs. Mein Rom-Urlaub ist also meine ganz persönliche Parabel auf das Leben und die menschliche Existenz. Krchrch.

In diesem Sinne noch mal ein lustiges Foto:

Rom in a Nutshell

Finito.


  1. Eventuell habe ich gerade eine Art Beatles-Referenz gemacht.

10. Juli 2016