Schlagzeilen

Auf Missstände hinweisen vs. eine Plattform bieten

tl;dr: Erstmal Fackeln und Mistgabeln lassen, wo sie sind. Erstmal abwarten und Tee trinken. Erstmal nachdenken. Dann handeln und dann gern auch ordentlich.

Es gibt so Sachen, von denen man ganz genau weiß, dass man sie lassen sollte, aber trotzdem immer wieder macht. Zum Beispiel Diskussionen auf Twitter führen. Don’t argue on the internet ist eigentlich eine gesunde Lebenseinstellung, aber hey, wir haben alle unsere Flaws und treffen nicht nur rationale Entscheidungen.

Und so habe ich angefangen, mit einer Person, deren Name hier aufgrund von TutNixZurSache ungenannt bleiben soll, auf Twitter in 140-Zeichen-Happen zu diskutieren. Es ging um ein Startup, dessen Name hier aufgrund von TutNixZurSache ungenannt bleiben soll, das shady Sachen macht. Ein Internetportal, dessen Name hier aufgrund von TutNixZurSache ungenannt bleiben soll, berichtete über besagtes Startup.

Besagte Person nahm das als Anlass um einen Artikel zu schreiben, in dem kritisiert wurde, dass besagtes Portal besagtem Startup eine Bühne bietet. Meine Antwort war in etwa: “Muss man solch einem Portal, das solch einem Startup eine Bühne bietet, noch eine Bühne bieten?”

Könnt ihr mir noch folgen? Gut.

Ich fand mich unglaublich lustig. Besagte Person weniger. Nach dieser Logik könne man nix mehr kritisieren und nichts zu kritisieren bringe eine Gesellschaft nicht weiter. Guter Punkt. Und eine Thematik, deren Extreme mich wiederkehrend beschäftigen.

Weil letzte Nacht etwas vergleichbares passierte, gibt es diesen Artikel, der im Folgenden auch konkreter wird – versprochen.

Der Fall Thomalla

Bis gestern Abend wusste ich über den Namen Thomalla genau zwei Sachen: dass es zwei davon gibt und eine der beiden mit dem Sänger von Rammstein zusammen ist. Oder gewesen. Irgendwas mit Rammstein. Vor allem aber war mir das egal.

Dann aber hab ich beim obligatorischen Prä-ins-Bett-gehen-Blick auf Twitter festgestellt, dass Sophia Thomalla die Gemüter erregt, und fand nach kurzer Zeit das hier:

Kleine Titten sind wie Flüchtlinge: Sie sind nun mal da, aber eigentlich will man sie nicht. pic.twitter.com/2dZH3SFxFU

— Sophia Thomalla (@ThomallaSophia) 30. September 2016

Mich interessierte, was die Gute sonst so von sich gibt. Ich fand einerseits einen Trump-Tweet ähnlicher Natur, andererseits Fotos von sich selbst:

Die letzten 20 Twitter-Fotos von Sophia Thomalla

Thematisch schwankt sie zwischen RTL-Tanzshow, InTouch, Deichmann und Fler. Ok. Was genau veranlasst so jemanden Tweets dieser Art loszulassen? Politisches Statement? Scherz? Obwohl weder Politik noch Satire auf den ersten Blick hochfrequentierte Themen in ihren Tweets sind?

Im Endeffekt bleibt nur eine Schlussfolgerung: die Hoffnung auf Aufmerksamkeit. Sex sellt schon immer und sobald jemand “Flüchtlinge” sagt, entsteht in einigen Teilen der Bevölkerung schnell Schaum vorm Mund. Optimale Themenwahl für das gewählte Ziel.

Der Tweet selbst wird von Thomalla eine Stunde später als Experiment bezeichnet. Reaktionen bekommt sie. En masse. Ich kann diesen Artikel auch nur schreiben, weil sich meine Twitter-Timeline wie eingangs erwähnt standesgemäß empörte. Jeder hat eine Meinung dazu und basht fleißig. Die Stories in entsprechenden Nachrichtenmagazinen findet ihr an Frau Thomallas Facebook-Chronik, was die nicht weit hergeholte Vermutung mit der Aufmerksamkeit bedeutend unterstreicht.1

Sophia Thomalla (und ein paar anderen) gefällt ein BILD-Artikel

Mehr auf Mama hören

Kinder können grausam sein. Einige Kinder werden von anderen Kindern gemobbt. Ist heute so, war zu meiner Schulzeit so und die Neandertalerkids haben sicherlich auch schon Schimpfe bekommen, weil sie ständig die Höhlenmalerei des gleichen Kindes entstellt und seine Versuche Feuer zu machen sabotiert haben.

Ist man selbst Mobbingopfer und vertraut sich seinen Eltern an, sagt Papa, dass man sich gefälligst wehren soll, während Mama rät, nicht auf die Aktionen der Mobbenden einzugehen.2 Schließlich würden die Reaktionen den Reiz ausmachen und blieben diese aus, würde auch das Mobbing abnehmen.

Was wäre, wenn wir Menschen wie Sophia Thomalla, die sensible Themen wie die Flüchtlingsdebatte instrumentalisieren, um die Aufmerksamkeit auf ihre Person zu richten, einfach allein im Regen stehen lassen? Soll sie doch brüllen, was sie will. Warum Trolle füttern? Warum dumme Menschen berühmt machen? Wir könnten uns wegdrehen, unsere Lebenszeit nicht mit dem Schreiben von Blogartikeln verschwenden und sie in all ihrer Bedeutungslosigkeit versinken lassen.

Ihr, liebe Lesenden, seht hoffentlich worauf ich hinaus will. Mir ist durchaus bewusst, dass ich mit diesen Worten die Aufmerksamkeit noch weiter streue und meinem eigentlichen Willen entgegen wirke. Ich nehme den Fall Thomalla als Beispiel, als Aufhänger für die Message, die gleich kommt. Deswegen widerspricht sich das in meinen Augen nicht über ein vertretbares Maß hinaus und ich hoffe das ist nachvollziehbar.

Mein Plädoyer an die Menschheit

Muss man sich wirklich zu jedem Zeitpunkt zu jeder Streitfrage positionieren? Muss man jeder Stimme, die im Netz Aufmerksamkeit auf sich ziehen will, selbige schenken? Muss man auf alle kontroversen Äußerungen jedesmal ohne Kontext oder Motive zu hinterfragen erstmal mit kollektivem Dauerfeuer reagieren?

Das ist kein in den Raum gesprochener Vorwurf. Ich bin davon selbst alles andere als frei. Es geht nicht um schwarz oder weiß. Das sind lediglich Fragen, die ich mir stelle und auf die ich je nach Situation unterschiedliche Antworten habe, die dazu ganz sicher nicht immer die Richtigen sind. Nur glaube ich, dass viele gar nicht auf die Idee kommen, sich Fragen dieser Art zu stellen.

Corey Taylor, seines Zeichens u.a. Sänger bei Slipknot und Stone Sour, hat im Podcast Someone Who Isn’t Me Anfang des Jahres angeprangert, dass wir uns zu viel aufregen, dass es ständig Shitstorms gibt. Das Problem dabei sei, dass die Sachen, die die Aufregung wirklich verdient hätten, im Rauschen der Shitstorms untergehen. Nachzuhören gibt es das ungefähr ab hier. Ich persönlich kaufe das nicht komplett, aber es ist ein interessanter Gedanke.

Auf der anderen Seite scheinen Shitstorms das perfekte Mittel um als Ansammlung “normaler” Menschen eine Reaktion von großen, gesichtlosen Konzernen zu provozieren. Oder Einzelpersonen zu sowas wie einer selten ehrlich gemeinten Entschuldigung zu nötigen. Und das ist ja per se erstmal gut. Aus vielen Wassertropfen werden Wasserfälle. Bäm! Hätte Atze Schröder ohne das negative Echo auf den Wiesenhof-Spot in den sozialen Netzwerken 20.000€ an roterkeil.net gespendet? Unwahrscheinlich.

Dennoch denke ich, dass es nicht verkehrt ist hin und wieder einer menschlichen Fähigkeit namens Differenzieren nachzugehen. Differenzieren ist zugegebenermaßen anstrengend, langwierig und wenig befriedigend. Schubladendenken ist immer der gemütlichere Weg. Gut und böse sind klar verteilt, ich weiß wen ich anzuschnauzen und was ich zu denken hab. Allerdings bewegen wir uns damit als Gesellschaft nicht wirklich vorwärts, was doch aber ein okayes Anliegen wäre, oder?


  1. Das hab ich übrigens auf dem Schirm weil Mobilegeeks’ Meister-Ranter Palle auch seinen Senf präsentierte.

  2. oder andersrum, TutNixNurSache

1. Oktober 2016