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Tom Searle

tl;dr: Tom Searle, Gitarrist der Architects, ist vor einem Jahr gestorben. Sein Tod traf mich und beschäftigt mich hin und wieder noch immer.

Anfang des Jahres wollte ich einen Artikel über mein 2016 schreiben, klassischer Jahresrückblick. Das gute Stück sollte in 3 übergeordnete Abschnitte aufgeteilt werden, in denen 2016 auffällig viel passiert war: Tod, Ernährung, Musik.

Als ich mich ans Schreiben machte, fing ich also mit dem Thema an, an dem kein Jahresrückblick vorbeikam: der auffälligen Anzahl an toten Berühmtheiten. Normalerweise gehen mir Nachrichten vom Ableben einer öffentlichen Person nicht sonderlich nahe. Mir tut es leid für die Betroffenen und für diejenigen, denen der Mensch oder sein Schaffen etwas bedeutet hat. In den meisten Fällen habe ich aber keine Verbindung zu der Person und dementsprechend fällt es mir nicht schwer, mit meinem Leben weiterzumachen wie bisher.

Es gab jedoch eine gehörige Ausnahme: Tom Searle. Ein Name, der Vielen sicher nichts sagt – mir Anfang des letztes Jahres auch noch nicht – und dessen Bekanntheitsgrad neben David Bowie, Bud Spencer & Co verblasst. Dennoch traf mich sein Tod ziemlich hart. Was ich beim Schreiben des Jahresrückblicks auch einmal mehr bemerkte. Daraufhin hab ich aufgehört. Es war zu traurig, das Schreiben fühlte sich falsch und sinnlos an.

Tom Searle war Gitarrist der Band Architects und hat am 20. August 2016 den 3-jährigen Kampf gegen Krebs verloren. Das hier ist mein zweiter Versuch, zu beschreiben wie ich die Zeit davor, währenddessen und danach erlebt habe.

Liebe auf den 17. Blick

Die Architects sind so eine Band, an der man jahrelang erfolgreich vorbei lebt. Das erste Mal hab ich sie 2008 live gesehen, über die Jahre weitere Male, aber nie wirklich bewusst oder beabsichtigt. War halt eine Band, die gespielt hat, während ich auf andere Bands wartete. Das änderte sich, als sie den Posten der Vorband beim Parkway Drive Konzert im Januar 2016 übernahmen.

Vor ungefähr 2 Jahren habe ich mir angewöhnt in Vorbereitung auf Konzerte Playlists zu erstellen, die der wahrscheinlichen Setlist entsprechen – dank Spotify und setlist.fm kein Problem. Dadurch konnte ich sicherstellen, dass ich jeden Song zumindest schon mal gehört habe. Eine solche “Setlist-Playlist” hatte ich auch für die Architects erstellt. Und genau das war der Punkt, an dem ich Blut leckte.

Der Auftritt war grandios. Ich war nicht nur von der Musik selbst, sondern auch von der Lichtshow nachhaltig beeindruckt. Bis heute war ich auf keinem Konzert, wo mich die Lichtarbeit1 ähnlich geflasht (😏) hat, wie bei den Architects.

Nach dem Konzert habe ich mich wirklich in die Band verliebt. Das bis dahin jüngste Album “Lost Forever // Lost Together” wurde anständig gesuchtet. Außerdem ging es nach der Tour mit Parkway Drive in die Promo-Runde für den Nachfolger “All Our Gods Have Abandoned Us”, d.h. Interviews galore. Leute, ich habe mir sogar die Song-Premiere der ersten Single in einem Radio-Live-Stream angehört und nebenbei Reaktionen auf Twitter verfolgt. Massiver Hype meinerseits, wie ich ihn bis dahin lang nicht mehr erlebt hab.

Ich war im Jahre 2016 unter den Top 1% der Spotify-Fans der Architects. Und bei der Musik allein blieb es nicht. Interviews, Podcasts, Dokumentationen – was ich kriegen konnte, habe ich mir angesehen und -gehört. Dadurch formte sich ein wesentlich konkreteres Bild von den Menschen, die hinter den Instrumenten stecken. Ich kannte das schon von Podcasts, diese seltsame einseitige und trotzdem erfüllende Vertrautheit. Kennenlernen, indem man fremden Menschen nur zuhört, sich ihrem Humor und ihren Meinungen aussetzt.

Tour-Abbruch und Highfield 2016

Im Juni kam diese seltsame Nachricht. Aufgrund eines Notfalls in der Familie mussten Touren durch Deutschland, Europa und USA abgesagt werden. Später stellte sich heraus, dass Gitarrist Tom Searle ins Koma versetzt wurde. Der Auftakt für den Weg bergab.

Die Nachricht von seinem Tod erreichte mich am Highfield-Sonntag. Da ich bis dorthin nichts dergleichen ahnte, traf es mich heftig. Das war einer dieser Filmmomente. Plötzlich bewegt sich alles in Zeitlupe, die Gute-Laune-Stimmung, der Sonnenschein um einen herum, das alles ist plötzlich unwirklich. Der Lärm von Menschen und Bühne wird dumpf und es gibt nur dieses nie enden wollende WTF während ich auf mein iPhone starre.

Dem zu entfliehen war glücklicherweise nicht schwer. Immerhin war ich auf einem Festival. Die Tage darauf waren jedoch seltsam.

Nachbeben

Was die Tage darauf an Texten und Fotos auf den Instagram-Accounts der Bandkollegen landete, war wirklich hart. So schön und doch so hart. Sam, den Sänger, bei der Ankündigung des letzten Songs, den er nach wie vor als den besten Song, den Tom jemals geschrieben hat, ankündigt, mit den Tränen kämpfen zu sehen. Zu sehen, wie große Bands der Szene unter Tränen ihren Tribut zollen. Das alles war schwer mitzuerleben.

Die Zwillingsbrüder Dan und Tom Searle haben zusammen Musik gemacht, seitdem sie 13 sind. Dan hat nicht nur seinen Bruder, sondern auch seinen jahrelangen Mitmusiker und Bandleader verloren.

Ich habe mich oft gefragt, warum mich das so fertig macht. Chester’s Tod2 hat mich auch berührt, aber nicht massiv, und das obwohl ich mit der Musik von Linkin Park wesentlich mehr über eine viel längere Zeit verbinde. Es muss wohl die Tatsache sein, dass ein 28-Jähriger auf dem Peak seines Erfolges, dort, worauf er jahrelang hin gearbeitet hat, aufgrund von Krebs sterben muss. Nicht dass Krebs jemals gerecht ist, aber mit 28? In seinem Alter? Verdammt, in meinem Alter?

Welchen Schatten das rückblickend auf die Texte der Band wirft. Wie oft das Wort “cancer” als Metapher vorkommt, es gibt sogar einen Song, der so heißt. Zeilen wie “A sickness with no remedy, except the ones inside of me.”

Es ist immer noch seltsam. Es trifft mich hin und wieder plötzlich, wenn mir ein Video in die Youtube-Empfehlungen oder ein Foto in die Timeline schwappt, das aus der Zeit stammt, bevor Tom starb. Wenn die ausgelassene Stimmung beim Guitar Hero spielen schlagartig kippt, weil Tom im Hintergrundvideo zu sehen ist.

Zeit hilft und ich bin mir auch bewusst, dass ich nicht mal betroffen im eigentlichen Sinne bin. Dennoch hat mich kein Celebrity-Tod bisher dermaßen mitgenommen, wie der von Tom Searle.

Ruhe in Frieden, Tom. Obwohl dir nur wenig Zeit vergönnt war, hast du es geschafft außergewöhnlich viele Leute zu berühren – und tust das immer noch. Die Architects sind dein Vermächtnis. Und was für eines.

Danke ❤️

Tom vor seinem letzten Auftritt


  1. Dass einzelne Lichtelemente dem Rhythmus des Songs folgen, kennt man. Aber das Widerspiegeln der Atmosphäre eines Songs in seiner Komplettheit durchzuchoreografieren, mit verschiedenen Farben, Elemente, Kombination aus schnellen und langsamen Bewegungen gleichzeitig und dem üblichen Doublebass-Strobo… für mich nach wie vor einmalig.

  2. Gemeint ist Chester Bennington, Sänger von Linkin Park, der sich am 20. Juli diesen Jahres das Leben nahm.

20. August 2017