Schlagzeilen

Lesen Sie nun: Mimimi zum WhatsApp-Aufkauf

tl;dr: Klar könnt ihr WhatsApp weiternutzen und ignorieren, dass 2 große Traffic-Erzeuger mit fragwürdiger Datenschutzpolitik fortan eine Infrastruktur teilen. Müsst und solltet ihr aber nicht. Ihr habt das Geld, ihr habt die Daten, also habt ihr die Macht zu bestimmen, was gescheiht. Zumindest ein bisschen.

Ironischerweise habe ich in einer WhatsApp-Gruppenunterhaltung davon gelesen: Facebook kauft den beliebten Messenger WhatsApp für gigantische 161 Milliarden Dollares. Im ersten Moment abartig viel. Allerdings sind es “nur” 42$ pro Benutzer und somit gerade mal 9$ mehr als beim Instagram-Deal.

Das ist immer noch erstaunlich viel Geld. Soviel wie z.B. Nokia, Tumblr und E-Plus gekostet hätten. Dennoch nähert sich der Traffic über WhatsApp dem globalen SMS-Traffic an. So verarbeiten die WhatsApp-Server das 9fache Bildaufkommen von Instagramm. Vielleicht sind 16 Milliarden doch angemessen?

Boykott vs. war was?

Wie dem auch sei, meine erste Reaktion war der Gedanke an Boykott. Natürlich. Weil das mit dem Facebook-Boykott für mich so gut geklappt hat, dachte ich mir aber genauso schnell, dass es vermutlich nichts wird.

Ich wollte wissen, was wohl meine Twitter-Timeline dazu sagt. Einheitliche Meinung: miese Firma kauft miese Firma, was ändert sich also? (eins, zwei, drei Auszüge von vielen)

Mir fällt es etwas schwer, das einfach so abzutun. Minus mal Minus ist hier nicht Plus, liebes Tech-Volk.

Meine Facebook-Besuche kann ich mittlerweile auf ein absolutes Minimum herunterbrechen. Bei WhatsApp habe ich nach kurzer Alternativensuche resigniert. Aber jetzt tatenlos zusehen, wie aus zwei unsympathischen Firmen eine wird?

Klar, meine auf den WhatsApp-Servern gelagerten Daten sind für immer verloren bereits bei Facebook. Dennoch kann es doch keine so abgefahrene Idee sein, an der Stelle ein bisschen empört zu sein und ein Zeichen setzen zu wollen. Kann ich wirklich schlucken, dass sich zwei Firmen, deren Gedanken an Datenschutz in einem kollektiven Lachanfall vor der Kaffeemaschine münden, zusammentun? Ohne Reaktion? War ja eh alles klar?

Wenn das mit der Glaubwürdigkeit nur nicht so schwierig wäre

Ich hatte stets die Hoffnung, dass Facebook erkennt, dass der aktuelle Weg langfristig nur zum Userschwund führen kann. Auch wenn dieser momentan gefühlt nur in meiner Filterblase stattfindet, denke ich, dass mit der Zeit auch Aufklärung kommen wird und sich mehr und mehr Benutzer von Diensten dieser Art entfernen wollen.

Auf der anderen Seite hat Facebook kaum eine Wahl. Sollten sie jemals eine große Datenschutzoffensive starten, würden wir sie nach einem ebenso gigantischen Lach-Flash als “ja ne, is klar” abtun.

Facebook hat seine Glaubwürdigkeit lange verspielt. Was das angeht, passt WhatsApp-Gründer Jan Koum ganz gut zu seinem neuen Arbeitgeber, hatte er doch im Januar noch posaunt, dass er sein Unternehmen groß machen, aber nicht verkaufen will.

Mein Plädoyier an die Menscheit

Eure Daten sind das Kapital von Facebook. Das und nichts anderes. Ihr bestimmt, wo eure Daten hingehen, also nutzt diese Macht. Nur so könnt ihr auf diesem Schauplatz das Geschehen beeinflussen.

Für mich ist der WhatsApp-Aufkauf erstmals Grund genug, doch noch einen Blick Richtung Threema zu werfen.2 Nicht weil Verschlüsselung unser aller Erlösung oder die App das Nonplusultra™ ist. Ich möchte einfach klarstellen, dass mir Dienste wie WhatsApp und Facebook missfallen. Und der einfachste Weg dorthin ist, sie so wenig wie möglich zu nutzen.

Warum können Unternehmen nicht einfach ein cooles Produkt auf die Beine stellen und ihre Benutzer samt deren Bedürfnissen respektieren?

Und ja, nicht jeder aus eurem Freundeskreis oder eurer Familie wird mit euch wechseln. Doch nichts hält euch davon ab, WhatsApp auf das Minimum zu beschränken und ein bisschen Energie in die Werbung für andere Messenger zu stecken. Mal ganz ehrlich: in der Ukraine sterben Menschen bei Demonstrationen und wir sind überfordert damit, unsere Freunde zu einem Messenger-Wechsel zu bewegen? Really?


  1. Ok, eigentlich sind es 19, weil noch 3 weitere Milliärdchen an die WhatsApp-Mitarbeiter gehen. Aber weil die Zahl 16 so präsent überall herumschwirrt, schließe ich mich mal an.

  2. Ich freue mich schon auf Witze a la “schon wieder haben die Schweizer ein Problem damit, dass plötzlich alle zu ihnen wollen”, sobald denen aufgrund des erhöhten Ansturms die Server abrauchen.

20. Februar 2014