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Als ich mich aufmachte nicht-nervige Kopfhörer zu finden

tl;dr: Weniger Kabel (Anker) ist gut, keine Kabel aber besser. Umgebungsgeräusche abdämpfen (Bose) und korrekte Balance (Jabra) sind bei In-Ears nicht so selbstverständlich, wie man meinen sollte. Bang & Olufsen hab ich vorher nie gehört, erfüllt aber all meine Wünsche.

Die letzten beiden Monate habe ich mich unfreiwillig viel mit In-Ear-Kopfhörern für unterwegs auseinander gesetzt. Derzeit befinden sich 4 verschiedene Paare in meinem Besitz. Meine damit gemachten Erfahrungen und die üblichen Irrungen und Wirrungen werde ich im Folgenden schildern.

Die 4 erwähnten Kopfhörerpaare
Die 4 erwähnten Kopfhörerpaare

Für mich gab es 3 vernünftige Gründe Ausschau nach Kopfhörern ohne Kabel zu halten:

  1. Normale Kopfhörer hielten bei mir maximal ein Jahr, ehe das Kabel am Übergang zum Stecker kaputt ging.
  2. Beim Radfahren sorgen schnelle Bewegungen durch den stärkeren Kabelzug dafür, dass die Kopfhörer schnell mal aus dem Ohr hüpfen.
  3. Neuere iPhones haben keinen Klinkenstecker mehr und erzwingen – insofern man keine Lust auf Adapter hat – das Umsteigen auf Bluetooth-Zubehör.

Als treuer Apple-Fanboy folge ich dem natürlich und entschied mich nach kurzer Recherche für die…

Anker SoundBuds Tag

Es handelt sich dabei um zum Kaufzeitpunkt 25€ teure Bluetooth-Kopfhörer, die über ein Kabel miteinander verbunden sind, das Signal vom Zuspieler aber über Bluetooth empfangen.

Anker SoundBuds Tag
Anker SoundBuds Tag

Die neugewonnene Kabelfreiheit war ein Traum. Kombiniert mit den kleinen – und nein, das ist nicht der offizielle Begriff – Widerhaken rutschen die guten Stücke wesentlich seltener aus dem Ohr.

Ein nettes Gimmick ist das Ausschalten durch Zusammenstecken der einzelnen Hörer. Ein Magnet sorgt dafür, dass sie zusammen schnippen, die Bluetooth-Verbindung kappen und sich ausschalten. Will man die guten Stücke verwenden, reicht ein einfaches Auseinanderziehen. Die Verbindung zum letzten Bluetooth-Gerät wird automatisch hergestellt.

SoundBuds ausschalten
SoundBuds ausschalten

Lauststärkeregelung aus der Hölle

Das Ändern der Lautstärke – ein gelöstes Problem, nahm ich bisher an – wies leider einige Macken auf. Zum einen ist die leiseste Stufe für meine Begriffe zu laut. Gerade abends nervt das, wenn sich das Ohr schon an Ruhe gewöhnt hat und man nur noch mal einen Podcast hören will.

Das wirklich Seltsame daran ist: der Kopfhörer ist zu leiseren Signalen fähig. Das habe ich zufällig rausgefunden, als ich 6x schnell hintereinander von lautlos zur leisesten Stufe und wieder zurück gewechselt habe. Das scheint eine Art Cheat-Code zu sein, mit dem man die Kopfhörer in einen anderen Modus versetzt, bei dem jede Lautstärkestufe leiser ist als normal, für so Pussies wie mich.

Als ich den Support fragte, was es damit auf sich hat und ob man diesen Modus dauerhaft aktivieren kann, wurde mir mitgeteilt, dass es sich um ein Produktdefekt handle und ich ein Ersatzgerät kriegen würde. Ich konnte mir das nicht so recht vorstellen, da dieses 6x Hin- und Herschalten sehr spezifisch wirkte, nicht wie ein zufälliger Fehler. Und ich sollte Recht behalten. Das Ersatzgerät wies den gleichen “Defekt” auf, der Support wusste nicht weiter und erstattete mir den Kaufpreis zurück. Da hab ich nie nach gefragt und hätte das auch nicht erwartet, aber einem geschenkten Gaul…

Der Support von Anker – und das liest man überall – ist wirklich erste Sahne. Auch wenn die über die versteckten Funktionen all ihrer Produkte nicht so recht Bescheid zu wissen scheinen.

Nächstes Level: richtig kabellos

Ich nutzte die Kopfhörer weiter, störte mich im Laufe der Zeit etwas an den Problemen, die kabellose Kopfhörer mit sich bringen: hohes Grundrauschen, Verbindungsabbrüche und – vor allem – das ständige Aufgelade. Dabei finde ich nicht mal schlimm, dass ich die Kopfhörer laden muss. Ist halt ein batteriebetriebenes Produkt. Das Problem ist, dass die Kopfhörer natürlich immer während der Benutzung ausgehen. Es gibt also mindestens 1x in der Woche eine Phase, wo ich gern Musik hören möchte, aber nicht kann, weil meine Kopfhörer eine Steckdose brauchen.

Darum schielte ich in Richtung Kopfhörer mit Ladeetui, das die Kopfhörer automatisch lädt, sobald man diese darin verstaut. Dann braucht das Ladeetui zwar regelmäßig Saft, aber die Kopfhörer selbst haben immer eine – hoffentlich ausreichende – Restladung.

Lade-Cases der 3 komplett kabellosen Kopfhörer-Paare
Lade-Cases der 3 komplett kabellosen Kopfhörer-Paare

Apples Airpods wurden von sehr vielen Seiten in den Himmel und darüber hinaus gelobt. Nach etwas Recherche stellte sich aber raus, dass wie alle Apple-Kopfhörer auch die Airpods das Problem hatten nicht in alle Ohren zu passen. Individuelle Aufsätze, wie sie bei so ziemlich allen Konkurrenzprodukten beiliegen? Fehlanzeige. Wer aus dem Raster der Normohren fällt, schaut in die Röhre.

Glücklicherweise boomt der Markt an True Wireless Headphones, also solchen, die auch auf das Kabel zwischen den beiden Kopfhörereinheiten verzichten und in Ladeetuis verstaut werden. Außerdem wurde mir finanzielle Unterstützung von außen zugesichert. Irgendwas Gutes muss es ja haben, dass Geburtstag und Weihnachten so nah beieinander liegen.

Bose SoundSport Free Wireless

Da in meinem Haushalt bereits 2 Bose-Produkte ihren Platz fanden, wusste ich, dass diese Firma abliefern kann. Die Dinger sind unglaublich klobig, aber das war für mich ok. Ob mir jetzt ein Kabel um den Hals liegt oder ein Pfropfen aus dem Ohr steht, who cares.

Recht schnell war ich total in die Dinger verknallt. Der Sound war bombastisch. Sie saßen fest, die Verarbeitung war großartig, von der Verpackung über das Case bis hin zu den Kopfhörern selbst wirkte das komplette Produkt unglaublich gut durchdacht. Mit 2 großen Mankos.

Bose SoundSport Free Wireless inkl. Lade-Case
Bose SoundSport Free Wireless inkl. Lade-Case

Zum einen ist die Bedienung echt grausam. Es sind zwar Tasten zur Steuerung von Play/Pause, Lautstärke hoch/runter und zum Skippen von Songs da, allerdings sind die unsagbar schwergängig. Ich las davon in Reviews und dachte mir “wie schlimm kann das schon sein?”

Little did I know. Ich konnte das überhaupt nicht fassen, wie dieses Produkt so gut durchdacht sein und dann mit solchen beknackten Bedienelementen geliefert werden kann. Der Grund dafür ist wohl die wasserfeste Bauweise, weswegen die Druckpunkte einen Gummiüberzug haben. Und man gewöhnt sich in der Tat dran, hat irgendwann den magischen Griff raus. Aber das ist weder intuitiv, noch sonderlich elegant.

Bose SoundSport Free Wireless inkl. Staub
Bose SoundSport Free Wireless inkl. Staub

Darüber hätte ich hinweggesehen, weil die SoundSport Free sonst all meine Wünsche erfüllten. Das böse Erwachen kam dann bei der ersten Nutzung draußen: diese Windgeräusche 😱 Wo eine gewisse Abschirmung des Umgebungslärms sonst bei In-Ears bauweisenbedingt automatisch erfolgt, scheint Bose dies bewusst vermieden zu haben, auch wenn der Support davon nichts hören wollte und stattdessen auf die verschiedenen Größen der beigelegten Ohrstücke verwies. Die brachten jedoch keine Besserung, weswegen ich die Bose-Kopfhörer leider, leider zurück schicken muss. Was bringt mir ein super durchdachtes Produkt und ein unglaublich guter Sound, wenn ich davon nichts höre, sobald ich einen Fuß vor die Tür setze?

Jabra Elite Sport

Also habe ich widerwillig die zweite Wahl auf meiner Liste bestellt, glücklicherweise im Black-Friday-Cyber-Monday-Ruby-Tuesday-was-auch-immer-Angebot statt 200 für “nur” 140€. Warum widerwillig? Zwar lasen sich die Reviews der Jabra Elite Sport ziemlich gut, aber sie hatten einen massiven Knackpunkt: die Bedienung für Lautstärke & Co. Meine Denke: wenn die meiner Meinung nach unsagbar schwergängige Bedienung der Bose-Kopfhörer in den Reviews kaum Erwähnung fand, wie schlimm muss eine Bedienung erst sein, die tatsächlich kritisiert wird?

Und es war genauso wie befürchtet. Durch die Größe der Bose-Kopfhörer konnten die Druckpunkte so gelegt werden, dass man “außen” drückt. Bei den kleineren und dadurch zugegebenermaßen schickeren Jabra drückt man direkt auf den Kopfhörer und damit direkt in das Ohr hinein. Das ist umständlich bis schmerzhaft, mit Handschuhen in der kalten Jahreszeit dazu eine Geduldsprobe sondergleichen.

Jabra Elite Sport
Jabra Elite Sport

Der Klang der Jabra ist ausreichend gut, wenn auch kein Vergleich zu dem der Bose. Auf den ganzen Sport-Schnickschnack wie Herzfrequenzmesser und Schrittzähler kann ich verzichten. Die Sportausführung habe ich nur bestellt, da diese als einzige die Widerhaken hatte, mit denen ich so gute Erfahrungen gemacht habe, was den Sitz im Ohr angeht.

Meiner Meinung nach ist die ganze Produktreihe aber kaputt. Warum? Ich habe die Kopfhörer 2x hier, einmal das Original, einmal ein Ersatzprodukt. Beide haben die gleichen Defekte.

Nicht fest sitzen wollender Widerhaken am linken Kopfhörer
Nicht fest sitzen wollender Widerhaken am linken Kopfhörer

Zum einen sieht man auf dem obigen Bild, das schon nach geringer Nutzung der Widerhaken vom linken Kopfhörer nicht mehr dort sitzt, wo er soll. Das ist wie gesagt bei beiden Paaren passiert, die ich habe.

Zum anderen ist die Balance leicht nach rechts verschoben, d.h. die Mitte im Tonsignal liegt nicht in der… well… Mitte. Ich vermute, das würde nicht mal jedem auffallen, auch wenn meine Frau mir diesen Eindruck nach ein paar Tests bestätigte um meine Ohren als Fehlerquelle auszuschließen. Das vom Support empfohlene Firmware-Update und der anschließende Geräteaustausch halfen nix, weswegen die guten Stücke zurückwandern.

Bang & Olufsen BeoPlay E8

Etwas frustriert habe ich meine Recherche neu aufgerollt. Diesmal auch Modelle eingeschlossen, die ich vorher nicht berücksichtigt habe. So auch die BeoPlay E8. Sie waren ursprünglich einfach zu teuer. Und das aus der Feder von jemandem, der bereit war für die Bose-Kopfhörer 180€ auszugeben. Es stellte sich heraus, dass die BeoPlay (mittlerweile?) auch auf 180€ runter waren.

BeoPlay E8
BeoPlay E8

Neben dem Preis hatte ich aber noch weitere Vorbehalte. Ennos gonna Enno. Zum einen fehlten meine geliebten – ihr habt es bereits erraten – Widerhaken. Ich hatte wirklich Schiss, dass mir der teure Gerät aus dem Ohr fällt ohne das zusätzliche Mehr an Halt. Auch das Leder-Case stößt mir als Vegetarier etwas auf.

Zum anderen kamen die BeoPlay mit Touch Controls daher, was sich in der Theorie nach einer eleganten Lösung anhört. Statt sich durch Druck auf den Kopfhörer bei jedem Versuch den aktuellen Titel zu pausieren kontinuierlich Schmerzen zuzufügen, würde eine vorsichtige Berührung reichen. Die im Techniksprech kapazitiv genannten Touch-Oberflächen haben wir alle in unseren Smartphones lieben gelernt, da sie auf der elektrischen Leitfähigkeit unserer Finger und nicht auf physischem Druck basieren. Für mich hörte sich das aber danach an, als könnte man die Bedienung mit Handschuhen vergessen.

Beoplay im Lade-Case
Beoplay im Lade-Case

Ich habe die Kopfhörer noch nicht mal eine Woche, doch sie scheinen bisher genau das zu sein, was ich gesucht habe. Der Sitz ist dank mitgelieferter Comply Foam Tips kein Problem. Dabei handelt es sich um Schaumstoffaufsätze, die sich – im Gegensatz zu den starren Silikonaufsätzen – nach einer kurzen Zeit an den Ohrkanal anpassen. Das verbessert Klang, Abschirmung und den Sitz im Ohr.

Die Touch Controls funktionieren – warum auch immer – auch mit Handschuhen. Bang & Olufsen scheinen ein eigenes Verfahren entwickelt zu haben, indem sie auf leichte Verzerrungen im Material reagieren, die durch die Berührung entstehen. Keine Ahnung, mir egal, Hauptsache flufft!

Sie dichten gut ab, klingen unglaublich gut und auch die Akkulaufzeit scheint solide zu sein. Selbst die in vielen Reviews gehasste App wurde zum Jahresbeginn einer Generalüberholung unterzogen.

Es gibt Situationen wie an der Supermarktkasse, wo man sich mit seinem Gegenüber unterhalten muss möchte, aber die Kopfhörer nicht umständlich herausnehmen und sicher verstauen will, zumal man gerade mit Geldbörse und Rucksack hantiert. Dafür reicht ein leichtes Tippen auf den linken Kopfhörer. Die Musik wird stummgeschalten und Umgebungsgeräusche werden verstärkt. Auch für Bahnansagen und ähnliche Situationen hilfreich.

Dazu sehen sie ganz schick aus und gehören im Vergleich noch zu den dezenteren Modellen.

4 Kopfhörer am Nicht-Normohr des Autors
4 Kopfhörer am Nicht-Normohr des Autors

Fazit

Nach jeder Menge unerwartetem Hickhack scheine ich die für mich passenden Kopfhörer gefunden zu haben. Phew. Der Markt der komplett kabellosen Kopfhörer ist aber noch recht jung. Da sollte die nächsten Monate bis Jahre noch eine Menge passieren.

Wer nach weiteren Alternativen sucht: die Sony WF-1000X haben aktive Geräuschunterdrückung, kommen in Reviews auch ganz gut weg, aber die Kundenzufriedenheit wirkt bescheiden. Die JBL Free X wollte ich mir vor den BeoPlay E8 bestellen, waren leider nicht lieferbar, scheinen jedoch vielversprechend.

Ansonsten gibt es mittlerweile viele Modelle unter 100€, die aber in irgendeinem Bereich immer starke Kompromisse eingehen, darum hier Augen auf. Für mich waren die Tests auf dieser Seite ein guter Einstiegspunkt.

Darüber hinaus ließe sich nach gut 2000 Wörtern noch dazu referieren, wie es sich mit der Sicherheit im Straßenverkehr verhält oder ob es verwerflich ist, knapp 200€ teure als Hygiene-Artikel klassifizierte Produkte wie In-Ear-Kopfhörer zurückzuschicken. Aber für heute reicht’s, oder? 👋

7. Januar 2019